BERLIN (dpa) — Sieben, acht Stunden am Stück schla­fen: ein recht neues Ideal in der Geschich­te des Menschen. Früher wurde anders geruht als heute. Wann und wie die Deutschen 2022 schla­fen, zeigt eine neue Umfrage.

Das Scrol­len auf dem Handy oder flimmern­de Fernse­her halten viele länger wach als sie es eigent­lich wollen, Wecker reißen Millio­nen aus dem Tiefschlaf, Straßen­be­leuch­tung macht viele Zimmer zu hell: Der gute Schlaf — er hat es heutzu­ta­ge schwer.

Der Traum von erhol­sa­mer Nacht­ru­he beschäf­tigt täglich viele Menschen. Eine aktuel­le reprä­sen­ta­ti­ve YouGov-Umfra­ge im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur zeigt, wann die Deutschen ins Bett gehen oder auch wie gut oder schlecht sie aus eigener Sicht schla­fen. Doch der Reihe nach.

«Wer schläft, sündigt nicht — wer vorher sündigt, schläft besser», soll Casano­va gesagt haben. Unsere Sprache ist voll von Redewen­dun­gen und Schlaf­weis­hei­ten wie etwa «Schlaf ist die beste Medizin».

Der Nacht­schlaf am Stück — gar mit der funktio­na­len Tages­drei­tei­lung in acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit und acht Stunden Freizeit — ist eine Idee der Indus­tria­li­sie­rung in Europa, womög­lich ein Hirnge­spinst des Kapita­lis­mus. Die moder­ne Zeit macht den Schlaf­be­darf zu einer Art Makel, zum Zeichen angeb­li­cher Faulheit.

Dass es auch anders sein könnte, zeigt zum Beispiel der Blick nach Spani­en, wo den Leuten die Siesta im moder­nen Alltag der letzten Jahrzehn­te jedoch weitge­hend ausge­trie­ben worden ist. Die Japano­lo­gin Brigit­te Steger («Inemu­ri: Wie die Japaner schla­fen und was wir von ihnen lernen können») erklär­te auch hierzu­lan­de Japans Phäno­men des Nicker­chens und oberfläch­li­chen Kurzschlafs tagsüber, etwa in Zügen oder auf Parkbän­ken. Der japani­sche Begriff «Inemu­ri» setzt sich aus Wörtern für «anwesend sein» und «Schlaf» zusammen.

Histo­ri­ke­rin­nen betonen, dass Schlaf eine Körper­funk­ti­on mit Geschich­te sei. Der Schlaf-Wach-Wechsel hängt eben nicht nur von körper­ei­ge­nen Fakto­ren ab, sondern auch von äußeren — und der natür­li­che Hell-Dunkel-Rhyth­mus spielt dabei nur eine gerin­ge Rolle.

«Schlaf ist tief geprägt von der Gesell­schaft, in der wir leben», sagt die Histo­ri­ke­rin Hannah Ahlheim («Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhun­dert»). «Kaum etwas beein­flusst unseren Schlaf so direkt wie unsere Arbeit: Arbeits­zei­ten bestim­men, wann wir aufste­hen und ins Bett gehen.» Wer Schicht­dienst habe, im Kranken­haus, bei der Polizei, als Reini­gungs­kraft oder Taxifah­re­rin, müsse oft nachts arbei­ten und tagsüber schla­fen. Das erste, was ein Baby lerne, sei, so zu schla­fen, dass es den Arbeits­all­tag nicht störe.

«Seit der Indus­tria­li­sie­rung müssen wir dabei Schritt halten mit Maschi­nen, die nie müde werden», sagt die Geschichts­wis­sen­schaft­le­rin Ahlheim von der Uni Gießen. «Eisen­bah­nen, Fließ­bän­der, auch Tablets und Handys. Die kleinen Geräte bringen uns heute die Arbeit ans Bett oder sogar ins Bett, gerade in Zeiten des Homeoffice.»

Vor gut 20 Jahren rüttel­te der ameri­ka­ni­sche Histo­ri­ker und Schlaf­for­scher Robert Ekirch («In der Stunde der Nacht: Eine Geschich­te der Dunkel­heit») an der Vorstel­lung, dass im Mittel­al­ter die dunkle Nacht allein zum Schla­fen da gewesen sei.

Bei Forschun­gen zu Schlaf­ge­wohn­hei­ten in vorin­dus­tri­el­ler Zeit war Ekirch in alten Aufzeich­nun­gen wieder­holt darauf gesto­ßen, dass vom «ersten» und «zweiten Schlaf» die Rede war. Es habe jahrhun­der­te­lang einen Zwei-Phasen-Schlaf gegeb