FRIEDRICHSHAFEN — Wie die Doppel­de­cker­bus­se in London hat das neue Fahrzeug der Feuer­wehr Fried­richs­ha­fen sein Lenkrad auf der rechten Seite und auch farblich steht es dem briti­schen roten Nahver­kehrs­mit­tel in nichts nach. Nur die Funkti­on ist eine völlig andere: Der neue Lastwa­gen der Feuer­wehr ist spezia­li­siert auf das Entfer­nen von Ölspu­ren.

Bisher mussten bei länge­ren Ölspu­ren 20 Feuer­wehr­leu­te ausrü­cken, um mit Besen und Ölbin­de­mit­tel die Fahrbahn zu reini­gen. Jetzt reichen zwei Perso­nen. Im Grunde ist das neue Öl-Fahrzeug eine mobile Wasch­an­la­ge: Vorne wird unter der Stoßstan­ge Tensid – also Lösungs­mit­tel – auf die Fahrbahn gesprüht, das nach kurzer Einwirk­zeit mit rotie­ren­den Bürsten einge­ar­bei­tet wird. Am Heck des Fahrzeu­ges kümmert sich ein Hochdruck­rei­ni­ger um den Rest, bevor das Schmutz­was­ser einge­saugt wird und die Fahrbahn wieder sauber und so gut wie trocken ist. Das Frisch­was­ser – aus zwei Tanks mit insge­samt 2700 Litern Fassungs­ver­mö­gen – wird im Fahrzeug auf 90 Grad aufge­heizt und kommt mit einem Druck von 200 bar aus den Düsen – je nach Bedarf auf zwei verschie­de­ne Arten. Die Hecksaug­an­la­ge beför­dert das Schmutz­was­ser in einen extra Tank, der entwe­der 4500 Liter in flüssi­ger Form oder sechs Kubik­me­ter in fester Form, wie zum Beispiel Laub, aufneh­men kann.

Das Fahrzeug mit ZF-Automa­tik­ge­trie­be fährt auf zwei Arten: mit einem Diesel-Motor, um an den Einsatz­ort zu kommen, und hydro­sta­tisch im Reini­gungs­be­trieb. Gefah­ren wird dann mit etwa acht Kilome­tern pro Stunde und einem Hebel, anstatt mit Gas und Bremse. Rechts auf der Fahrer­sei­te gibt es sehr viele Knöpfe, um das 18-Tonnen-Gefährt zu steuern. Und sollte der Platz mal nicht ausrei­chen, gibt es auch noch Handge­rä­te für die Feinar­beit.
Wenn die Ölspur dann gerei­nigt und der Tank voll ist, kann die Feuer­wehr das Schmutz­was­ser in einem Contai­ner im Hof zwischen­la­gern, der extra für die neuen Anfor­de­run­gen umgebaut wurde. Sobald die 11.000 Liter Fassungs­ver­mö­gen des Contai­ners voll sind, wird der Inhalt als Sonder­müll von einem Entsor­ger abgeholt.
Corona-bedingt kam es zu einer verzö­ger­ten Auslie­fe­rung. Bereits im August konnte sich die Feuer­wehr mit der Technik vertraut machen, seither läuft die Ausbil­dung. 15 bis 20 Feuer­wehr­leu­te sollen das Fahrzeug letzt­lich bedie­nen können, jeweils etwa die Hälfte aus Haupt- und Ehren­amt. Testwei­se wurde das Fahrzeug schon im August genutzt und Stadt­brand­meis­ter Louis Laurösch ist zufrie­den: „Wir hatten das Fahrzeug bei drei Einsät­zen dabei und es hat sich bewährt, sodass im regulä­ren Einsatz­be­trieb ab Septem­ber nicht mehr von Hand gekehrt werden muss.“
Bei 100 bis 130 Ölspur-Einsät­zen im Jahr, manch­mal mit einer Länge von bis zu drei Kilome­tern, rentiert sich das rund 440.000 Euro teure Gefährt. Vor allem, weil dadurch die ehren­amt­li­chen Feuer­wehr­leu­te entlas­tet werden und weil es in der Gegend keinen gewerb­li­chen Anbie­ter gibt, der so ein Fahrzeug in vertret­ba­rer Zeit, zu einem vertret­ba­ren Preis anbie­ten könnte. Und weil das Fahrzeug eine Rarität ist, haben die Feuer­wehr Fried­richs­ha­fen auch schon die ersten Anfra­gen aus der Nachbar­schaft erreicht: „Wir müssen jetzt erst einmal Erfah­run­gen im Einsatz sammeln und dann kann es vielleicht auch für Überland­ein­sät­ze einge­setzt werden“, sagt Louis Laurösch.
Wer übrigens eine Ölspur verur­sacht, bekommt den Einsatz des Fahrzeugs in Rechnung gestellt.