Die Sorgen waren groß, dass sich die Fahrer bei der Tour mit dem Corona­vi­rus anste­cken. Doch das Peloton hat aufge­passt — im Gegen­satz zu Tourchef Prudhom­me. Sport­lich trium­phier­te der Ire Sam Bennett, der bei Bora-hansgro­he keine Perspek­ti­ve mehr gesehen hatte.

«Ich bin im Schock­zu­stand und total überfor­dert», stammel­te der Ire nach seinem ersten Etappen­sieg bei der Tour de France, schlug die Hände vor das Gesicht und wisch­te sich durch die feuch­ten Augen. «Ich habe immer davon geträumt. Ich dachte, es passiert nie. Jetzt ist es Reali­tät gewor­den», ergänz­te der 29-Jähri­ge, der im letzten Jahr noch eine Neben­rol­le beim deutschen Bora-hangro­he-Team einge­nom­men hatte.

Nun schlug seine Stunde. Vor der atembe­rau­ben­den Kulis­se der Île de Ré siegte Bennett nach 168,5 Kilome­tern vor dem Austra­li­er Caleb Ewan und Ex-Weltmeis­ter Peter Sagan (Slowa­kei). Damit lenkte Bennett die Aufmerk­sam­keit wieder auf die sport­li­chen Schlag­zei­len, nachdem Prudhom­me mit seinem positi­ven Corona-Test für einen Riesen-Wirbel im Tross gesorgt hatte.

Ausge­rech­net Bennett, der aus Perspek­tiv­lo­sig­keit Ende 2019 das Bora-Team verlas­sen hatte, nachdem er weder für die Tour noch für den Giro d’Ita­lia berück­sich­tigt worden war. Zur Krönung des Tages erober­te er auch das Grüne Trikot von Sagan, dem Super­star und Ex-Weltmeis­ter, der ihm in der Vergan­gen­heit auch den Weg zur Tour versperrt hatte. «Wir haben noch einige Möglich­kei­ten, das Trikot zurück­zu­ho­len», sagte Sagan. Altstar André Greipel konnte sich erstmals ein wenig in Szene setzen und beleg­te den sechs­ten Platz.

Es war das furio­se Finale nach einer turbu­len­ten Etappe mit einigen Stürzen und nicht ungefähr­li­chen Windkan­ten-Attacken. Mit ein wenig Mühe hielten sich die Stars der Branche aber schad­los. Der slowe­ni­sche Überflie­ger Primoz Roglic vertei­dig­te sein Gelbes Trikot erfolg­reich, wenngleich er durch einen Sturz kurzzei­tig gebremst worden war. Roglic liegt im Gesamt­klas­se­ment weiter 21 Sekun­den vor dem kolum­bia­ni­schen Vorjah­res­sie­ger Egan Bernal. Der Vorjah­res­vier­te Emanu­el Buchmann büßte weite­re fünf Minuten ein. Nach dem Einbruch in den Pyrenä­en hatte er aber bereits angekün­digt, dass die Gesamt­wer­tung keine Bedeu­tung mehr habe.

Beim Insel-Hopping — der Start erfolg­te auf der benach­bar­ten Île d’Olé­ron — ging es aber hektisch zu. Immer wieder war es zu Stürzen gekom­men. Dabei waren auch der deutsche Klassi­ker­spe­zia­list Nils Politt sowie Jonas Koch betrof­fen. Der Kölner Politt verletz­te sich an der Schul­ter, konnte die Fahrt aber fortset­zen. Aufge­hal­ten wurden zwischen­zeit­lich neben Roglic auch die Klasse­ment-Fahrer Guillaume Martin und Tadej Pogacar — aber ohne Folgen.

Alle 166 im Rennen befind­li­chen Fahrer hatten die mit Spannung erwar­te­ten Corona-Tests am Ruhetag ohne Befund passiert. Ledig­lich vier Mitglie­der aus dem Betreu­er­stab der 22 Teams waren bei den 841 PCR-Tests auffäl­lig. Das traf auch auf Tourchef Prudhom­me zu, der bis zuletzt die Fahrer immer wieder eindring­lich zur Einhal­tung der Corona-Regeln animiert und sich für strik­te Regeln stark gemacht hatte.

«Ich werde die Tour für acht Tage verlas­sen. Ich werde mich wie jeder franzö­si­sche Angestell­te in so einem Fall verhal­ten», sagte der frühe­re Journa­list der Nachrich­ten­agen­tur AFP. Prudhom­me beton­te, dass er keinen Kontakt zu den Fahrern gehabt und auch nicht der sogenann­ten Blase angehört habe. «Die Fahrer leben wie Mönch-Solda­ten, das ist bei mir nicht der Fall.» Aufgrund seiner Funkti­on habe er viele Gäste und Verant­wort­li­che getrof­fen, so Prudhom­me, der durch François Lemar­chand ersetzt wird.

«Das ist natür­lich nicht gut», sagte der deutsche Radpro­fi Simon Geschke dem ZDF und fügte hinzu: «Ich hoffe, dass er mit keinem Fahrer Kontakt hatte. Ich habe ihm jeden­falls noch nicht die Hand gegeben.» Und Nikias Arndt meinte: «Uns war bewusst, dass in dieser Blase ein Fall auftre­ten kann.»

Pikant ist dabei, dass erst am Samstag der franzö­si­sche Premier­mi­nis­ter Jean Castex auf der Pyrenä­en-Etappe im Auto von Prudhom­me Platz genom­men hatte. Es ist Usus bei der Frank­reich-Rundfahrt, dass die wichtigs­ten Politi­ker des Landes regel­mä­ßig einen Abste­cher zum Natio­nal­hei­lig­tum Frank­reichs machen. Staats­chef Emmanu­el Macron war dieses Jahr aber noch nicht vor Ort. Für Castex gibt es Kabinetts­sit­zun­gen vorerst nur per Video­kon­fe­renz, wie Macron klarstell­te. Er werde sich umgehend testen lassen, kündig­te der Premier­mi­nis­ter indes an.

Am Mittwoch wird die Frank­reich-Rundfahrt mit der elften Etappe über 167,5 Kilome­ter von Châte­lail­lon-Plage nach Poitiers fortge­setzt. Abgese­hen von einem Berg der vierten Katego­rie warten keine großen Schwie­rig­kei­ten, so dass es zu einem Massen­sprint kommen könnte.