PULHEIM (dpa) — Bis zu 435 Igel im Jahr hat Karin Oehl aufge­päp­pelt — immer wieder aufs Neue, 49 Jahre lang. Aber jetzt macht sie Schluss. Die Igel, die sie derzeit im Keller hat, sind ihre letzten.

Der kleine Igel hat sich zu einer Stachel­ku­gel zusam­men­ge­rollt, aber Karin Oehl kennt für diesen Fall einen Trick. Sie streicht ihm sanft über den Rücken.

Sofort entrollt sich das Tierchen und krabbelt über den Tisch. «Ein Igel sollte norma­ler­wei­se wie ein Tropfen ausse­hen: vorne spitz, hinten rund. Dieser ist walzen­för­mig.» Was heißt das? «Dass er zu mager ist.» Karin Oehl flößt ihm mit einer Pipet­te ein Aufbau­prä­pa­rat ein. «Das ist Schoko­la­de, ist lecker», versucht sie ihn zu überzeu­gen. «Schlab­ber mal!»

Karin Oehl sieht aus wie die klassi­sche weißhaa­ri­ge Bilder­buch-Oma. Aber Vorsicht! Die 77-Jähri­ge ist ganz schön tempe­ra­ment­voll. Zum Beispiel will sie auf gar keinen Fall «Igel-Omi» oder «Igel-Mutti» genannt werden. Bei der Bezeich­nung verfins­tert sich ihr Gesicht, und ihre Stimme wird ein paar Stufen lauter. Mutter und Oma ist sie durch­aus — aber von Kindern und Enkeln, nicht von Igeln. «Ich bin auch keine frustrier­te Hausfrau, die das hier zu ihrer Selbst­be­stä­ti­gung braucht», stellt sie klar. Sie war immer berufs­tä­tig, erst als Arzthel­fe­rin, dann als Krankenpflegehelferin.

«Igel-Helfe­rin» ist eine Bezeich­nung, mit der sie leben kann. Als solche hat sie es unter Tierfreun­den zu bundes­wei­ter Bekannt­heit gebracht. «Das geht von Schles­wig-Holstein bis zum Boden­see», sagt sie nicht ohne Stolz. «Gestern kam noch ein Anruf aus Strau­bing.» Ihre Fachkennt­nis­se hat sie sich in 49-jähri­ger Arbeit angeeig­net. So lange päppelt sie schon Igel auf. Einmal waren es 435 in einem einzi­gen Jahr. Das macht hochge­rech­net auf ein halbes Jahrhun­dert x‑Tausende. Jetzt aller­dings soll Schluss sein. Die Igel, die sie derzeit noch im Keller ihres Hauses in Pulheim bei Köln hat, sollen die letzten sein.

Bis zu 60 Tiere gleich­zei­tig versorgt

Begon­nen hat alles Anfang der 1970er Jahre. Einer der Auslö­ser war nach ihrer Erinne­rung ein Aufruf von Profes­sor Bernhard Grzimek im Fernse­hen. Der Igel war sein Wappen­tier, er trug ihn einge­stickt in die Krawat­te und pfleg­te zu sagen, dass er selbst auch Stacheln habe. Karin Oehl könnte das ebenfalls von sich behaup­ten. Über Tierärz­te, die ihr querschnitts­ge­lähm­te Igel bringen ließen, anstatt sie direkt einzu­schlä­fern, oder naive Helfer, die den Tieren unver­träg­li­che Kuhmilch statt Wasser zu trinken geben, kann sie sich richtig aufregen.

Noch immer ist der größte Raum im Keller ganz mit Käfigen zugestellt. Einmal hat sie 60 Tiere zugleich versorgt. «Das war schon sehr heftig.» Auf jedem Käfig liegt eine eigene Kartei­kar­te, auf der sie über die Entwick­lung des Igels Buch führt. Die Regale sind vollge­stopft mit Futter­kon­ser­ven, Schau­ta­feln und Trans­port­kis­ten. Zum Glück hat ihr Mann Chris­toph die etwas exzes­si­ve Igel-Leiden­schaft immer mitge­tra­gen. Wenn sie über ihn spricht, wird sie ganz sanft. «Mein Mann ist ein Schatz», sagt sie leise.

Auch draußen im Garten sind noch einige Exempla­re einquar­tiert. Die halten jetzt aber schon Winter­schlaf, tief einge­gra­ben im Stroh. «Das ist der sogenann­te rever­si­ble kleine Tod», erklärt sie. «Atmung, Puls, Tempe­ra­tur — alles geht runter.» Die Keller-Igel sind dagegen noch aktiv. Sie hebt einen aus seinem Käfig. «Feuch­te Nase, schwar­ze, offene Knopf­äu­gel­chen und ein