Den Selbstmord verhindern - Wochenblatt

Den Selbstmord verhindern
Empfehlung

27. Juli 2017
Über den Button „Helpmail“ bekommen die Jugendlichen Hilfe Foto: screenshot www.u25-deutschland.de

1 290 Menschen haben sich 2015 in Baden-Württemberg das Leben genommen – allein 21 davon im Landkreis Biberach. Zum Vergleich: Die Zahl der Verkehrstoten liegt mit 524 bei weniger als der Hälfte. Hilfe für gefährdete Jugendliche bietet die U25 Suizidprävention Biberach.

biberach – „Ich kann nicht mehr“ und „Mein Leben macht keinen Sinn mehr“, solche und ähnliche Sätze liest Nelli Wilhelm auf ihrem Bildschirm im Büro der Caritas täglich. Seit 2013 berät und begleitet sie Jugendliche bei Krisen und Suizidgedanken, vor zwei Jahren wurde sie Leiterin der U25 Suizidprävention in Biberach.

„U25 wurde speziell für Jugendliche unter 25 Jahren entwickelt, weil festgestellt wurde, dass sich diese lieber online als persönlich beraten lassen“, erklärt die 26-jährige Sozialpädagogin.

Jugendliche hören zu

Eine ihrer Hauptaufgaben ist die Ausbildung und Betreuung von jugendlichen Ehrenamtlichen – sogenannte Peers (englisch für Gleichaltrige). Diese werden in kleinen Gruppen in zehn Terminen zu ehrenamtlichen Krisenbegleitern geschult.

Im Moment sind es 25 freiwillige Mitarbeiter in Biberach. Jeder von ihnen betreut zwei bis drei Jugendliche. Im Durchschnitt schreibt man sich ein Mal pro Woche.

Und so funktioniert‘s: Wer gerade in einer Krise steckt oder über Selbstmord nachdenkt, geht auf die Website von U25 und schreibt eine „Helpmail“. Ein ausgebildeter Peer verfasst eine Antwort, die von Nelli Wilhelm freigegeben wird und dann weitergeleitet wird. Sowohl der freiwillige Helfer, als auch der hilfesuchende Jugendliche sind anonym. Keiner muss den richtigen Namen angeben. „Diese Distanz soll beide Seiten schützen“, betont die Sozialpädagogin, „so fällt es leichter, ehrlich und direkt zu sein.“ Deshalb gehen die Geschichten den Ehrenamtlichen nicht zu nahe, da sie die Personen nicht kennen.

Das Besondere an U25 ist, dass nicht nur die Hilfesuchenden, sondern auch die Ehrenamtlichen unter 25 Jahre alt sind.

„So haben die Jugendlichen oft ähnliche Probleme und stecken womöglich in derselben Situation. Die Antworten sind unbedarft. Dadurch fühlen sich die Suizidgefährdeten besser verstanden.“, erklärt Wilhelm.

Aber warum wollen sich junge Menschen, deren ganze Zukunft noch vor ihnen liegt, überhaupt umbringen? „Die häufigsten Probleme gibt es in den Bereichen Beziehungen, Schule und Mobbing. Manchmal geht es auch um Gewalt­er­fahrungen, Missbrauch und Essstörungen – oder alles auf einmal.“

Eine schwere Aufgabe

Keine leichten Schicksale, mit denen sich Nelli Wilhelm tagtäglich beschäftigen muss. Ihren Job mag sie aber trotzdem: „Es ist eine spannende Aufgabe und ein schönes Gefühl, Menschen helfen zu können. Außerdem gefällt mir das Konzept U25 sehr gut und ich glaube, dass es funktioniert.“

Im Idealfall brechen die gefährdeten Jugendlichen den Kontakt von selbst ab, weil sie keine Hilfe mehr benötigen. Doch das kommt nur selten vor. In der Realität sieht es anders aus: „Die allermeisten Kontakte brechen einfach ab und wir wissen nicht, was passiert. Natürlich hofft man, dass die Person in Therapie gegangen ist oder anderswo Hilfe gefunden hat. Aber die Sicherheit fehlt.“ Das Schwerste in ihrem Job sei, sich bewusst zu sein, dass man so gut wie möglich geholfen hat und letztendlich nicht für die Handlungen des Anderen verantwortlich ist.

Weitere Infos zu Suizid und Depression sowie eine Kontakt­adresse für Hilfesuchende gibt‘s auf www.u25-deutschland.de.

Joy Garcia Oliver

Kommentar: Kein Tabuthema!

Jedes Jahr sterben in Baden-Württemberg mehr Menschen durch Selbstmorde als durch Verkehrsunfälle (Bericht Seite 1) – im Gegensatz zu tragischen Verkehrsunfällen liest man davon aber in der Regel nichts in den Medien. Zumindest, wenn es sich bei den Opfern nicht um Berühmtheiten, wie etwa den Linkin Park-Frontmann Chester Bennington, handelt. Das hat vor allem einen Grund: Die Angst vor dem Werther-Effekt.

Unabhängig davon, ob diese Angst berechtigt ist oder nicht – auch wenn wir Medien deshalb nicht detailliert über einzelne Suizide berichten, darf das Thema als solches nicht tabu sein. Nur so können falsche Vorurteile aufgelöst werden – wie etwa jenes, dass man jemanden erst recht auf die Idee bringt, sich umzubringen, wenn man ihn auf das Thema Selbstmord anspricht. Laut den Experten von der Caritas sind die meisten gefährdeten Personen froh darüber, darauf angesprochen zu werden. Ebenso falsch sei auch das Vorurteil, dass jemand, der droht sich umzubringen, es dann eh nicht macht. Daher ist es gerade zum Wohle der Betroffenen so wichtig, das Thema in die breite Öffentlichkeit zu bringen – und gleichzeitig Anlaufstellen zu nennen, wo man direkt und unkompliziert Hilfe findet. Wie bei der U25 Online-Suizidprävention.

Was meinen Sie?

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Von Patrick Müller

Zurück

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzbestimmungen. Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite. Cockies akzeptieren