Gibt es zu viele Studenten? - Wochenblatt

Gibt es zu viele Studenten?
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23. November 2017
Die Preisträgerin und Prüfungsbesten der IHK-Weiterbildung aus dem Kreis Biberach (v.l.): IHK-Vizepräsident Friedrich Kolesch, Franz Eggart, Christine Neyer, Kevin Prinz, IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle Foto: Armin Buhl/IHK Ulm

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ulm, zu deren Bereich auch der Kreis Biberach gehört, warnt vor einem Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften: Viele Schüler entscheiden sich für ein Studium – obwohl in vielen Bereichen gar kein Bedarf nach Akademikern mehr bestehe.

Landkreis – Mehr als 800 Gäste kamen am Freitag zum Bildungsevent „Best of_“ der IHK Ulm in der Biberacher Stadthalle. Mit dem Bildungsevent – bei dem die besten Absolventen von IHK-Ausbildungsberufen und Fortbildungsqualifikationen ausgezeichnet wurden – möchte die IHK sowohl die berufliche Ausbildung allgemein, als auch die erfolgreichen Absolventen öffentlich würdigen.

„Diese Menschen sind ein Rückgrat unserer Region“, erklärte Friedrich Kolesch, Vizepräsident der IHK Ulm, bei einem Pressegespräch im Vorfeld des Events. Von diesen beruflich qualifizierten Fachkräften brauche man in der Region der IHK Ulm zukünftig noch mehr: Laut dem IHK-Fachkräftemonitor werden in der Region im Zeitraum 2017 bis 2030 im Schnitt jährlich 13 200 beruflich qualifizierte Fachkräfte benötigt. Für die Akademiker sieht der Fachkräftemonitor dagegen nur einen Bedarf von jährlich 1 300.

Den Hauptgrund für den in Teilen schon jetzt bestehenden Mangel sehen Kolesch und IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle darin, dass sich immer mehr Schulabgänger für ein Studium entscheiden. „Dabei bietet auch der berufliche Bildungsweg gute Karrierechancen“, so Sälzle. Vor allem durch die Weiterbildungsmöglichkeiten, mit denen man zum Beispiel den Meister, Fachwirt oder Techniker machen kann. „Bei diesen beruflich Qualifizierten mit hoher Qualifikation ist die Arbeitslosenquote mit 1,8 Prozent schon jetzt geringer als bei den Akademikern, wo sie bei 2,2 Prozent liegt“, sagte Sälzle. „Und nach einer Weiterbildung, etwa zum Techniker, wird man oft auch nicht schlechter bezahlt als ein Akademiker“, so Kolesch. Sälzle geht sogar so weit, zu prognostizieren, dass in manchen Bereichen, zum Beispiel in der Betriebswirtschaft, ein Studium zukünftig schlechtere Berufschancen bietet, als eine entsprechende berufliche Ausbildung. Und nach den Kriterien des deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) ist ein Meister oder Fachwirt schon jetzt einem Bachelor-Abschluss gleichgestellt.

Positiv stimmt Sälzle und Kolesch, dass im Kreis Biberach das Ansehen der beruflichen Bildung nach wie vor höher ist, als in anderen Kreisen.

Dort haben bei IHK-Berufen 25 Prozent der Auszubildenden laut Sälzle eine Hochschul-Zulassungsberechtigung, also Abitur oder die Fachhochschulreife. „Das zeigt, dass man hier mit gesundem Menschenverstand an die Sache heran geht und weiß, dass eine erfolgreiche Karriere auch mit einer dualen Ausbildung und einer anschließenden Weiterbildung möglich ist“, sagte Sälzle.

Um die Schüler und Eltern zu informieren, welche Berufswege es neben einem Studium gibt, geht die IHK mit ihren Beratungsangeboten gezielt an die Schulen – und dort auch an die Gymnasien. Auch, weil es viele interessante Ausbildungsberufe, natürlich auch im Handwerk, gibt, die in der Öffentlichkeit gar nicht so bekannt sind. „Am Schluss entscheidet jeder selbst. Aber dafür muss er wissen, was es für Möglichkeiten gibt“, so Kolesch.

Kommentar von Patrick Müller: Akademisierungswahn

Wenn Vertreter der Industrie- und Handelskammer Alarm schlagen, dass sich zu viele junge Menschen für ein Studium entscheiden (Bericht Seite 1), dann ist das natürlich Teil der Lobby­arbeit für ihre Mitgliedsbetriebe. Deswegen handelt es sich aber nicht automatisch um ein, aus reinem Eigeninteresse, aufgebauschtes Problem. Im Gegenteil. Inzwischen „rächt“ sich, dass in Deutschland immer mehr Schüler zum Abitur oder zur Fachhochschulreife geführt werden: Etwa seit 2010 erreichen über die Hälfte der Schüler eine Hochschulzugangsberechtigung. 2000 lag der Wert noch bei 37 Prozent. Aufgrund des kurzen Zeitraumes dieser Veränderung liegt der Verdacht nahe, dass das vor allem an einer Absenkung der Anforderungen liegt. Was teilweise als verbesserte Chancengerechtigkeit gefeiert wird, gefährdet die duale Ausbildung, die auch außerhalb Deutschlands einen hervorragenden Ruf genießt. Denn so werden junge Menschen dazu ermutigt, ein Studium aufzunehmen, obwohl für sie und ihre Karrierechancen eine Ausbildung der bessere Weg wäre. Denn in den meisten Bereichen der Wirtschaft gibt es keinen Bedarf, jede zweite Stelle mit einem Akademiker zu besetzen. Im schlimmsten Fall entsteht so ein akademisches Proletariat.

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