Grachmusikoff verlässt die Bühne - Wochenblatt

Grachmusikoff verlässt die Bühne
Empfehlung

9. November 2017
Das erste Band-Pressefoto von 1978: Hansi Fink (li.), Georg Köberlein (re.) und Alex Köberlein (oben) mit zwei Geschwistern der Köberleins Foto: Privat

Die oberschwäbische Kult-Band Grachmusikoff befindet sich derzeit auf Abschiedstournee. Wetterexperte Roland „Role“ Roth, der die Band von Anfang an begleitet hat, blickt im WOCHENBLATT zurück auf ihre Entstehung und ihre wechselhafte Geschichte, die eng mit der früheren Bad Schussenrieder Sponti-Szene verknüpft ist.

Patrick Müller

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Bad Schussenried – „Mit Grachmusikoff verschwindet auch ein Stück von meinem Leben. Denn viele ihrer Lieder spiegeln einen Teil dieses Lebens wider“, erzählt Role Roth. Deshalb wird der bekannte Wetterexperte aus Bad Schussenried auch auf jeden Fall noch einmal ein Konzert der Band besuchen. „Ganz allein, ohne Bekannte. Dann werde ich einfach am Rand stehen und zuhören. Und wenn dann der Schwoißfuaß-Teil kommt, dazu noch ein letztes Mal richtig abtanzen.“ Allerdings hat er dafür nicht mehr viel Zeit – das letzte Konzert findet am 28. Dezember in Tübingen statt.

Mit Blick auf die Entstehung der Band – aus dem Umfeld des Bad Schussenrieder Jugendzentrums heraus – ist die Verbundenheit von Roth zu Grachmusikoff verständlich: Anfang der 70er-Jahre war er einer von drei Gründern des Jugendzentrums. Die anderen beiden waren der spätere Grachmusikoff-Gitarrist Hansi Fink und Oswald Metzger, der über SPD und Grüne inzwischen bei der CDU gelandet ist. „Das Jugendzentrum war weit über die Grenzen Schussenrieds hinaus bekannt, wobei die meisten wohl eher berüchtigt sagen würden“, erinnert sich Roth. Es war ein Teil der linken Sponti-Bewegung, die sich als Nachfolger der 68er-Bewegung sah. Deswegen war das selbstverwaltete Zentrum, das ein eigenes Kulturprogramm auf die Beine stellte, bei den „damals eher spießigen“ Stadtoberen auch nicht sehr beliebt. Dieser Konflikt spitzte sich so zu, dass die Stadt das Jugendzentrum 1978 zumachte. Aus der Demo gegen diese Schließung entstand Grachmusikoff.

Von der Demo zur Band

„Mit über 1 000 Leuten war die Demo am 1. April 1978 die größte Demonstration der Nachkriegszeit in Oberschwaben. Mit vielen kreativen Plakaten, die damals Ralph Heidenreich entworfen hat, der jetzt für die Linke im Biberacher Gemeinderat sitzt“, erzählt Roth. Bei dieser Demo liefen an der Spitze des Zuges Einzelmusiker, unter anderem auch Hansi Fink und die Brüder Georg und Alex Köberlein – die anschließend zu dritt Grachmusikoff gründeten.

Viele der Lieder, die die Gruppe später veröffentlichte, behandeln diese Zeit des Jugendzentrums und die Spannungen mit der Heimatstadt Bad Schussenried. Etwa im „Heimatlied“: Wo dr Nochbr no m‘ Nochbr vor sei Hausdier rotzt; wo ma Griß Gott sait, ond koinr dir en d‘ Auga glotzt; wo d‘Buaba heimlich zoiged sich da Schniedelwutz; do ben i dahoim, do ben i dahoim. Oh Heimat, was du für mi warsch; ich grüße dich das letzte Mal. Leck mich am Abendrot em Schussadal.

Die Texte von Grachmusikoff sind übrigens so gut wie alle im oberschwäbischen Dialekt gehalten. Die Musik dazu ist eine Mischung aus Rock, Ska, Pop und Volksmusik. 2013 bekamen die drei Gründungsmitglieder – inzwischen ist aus dem Trio eine mehrköpfige Band geworden – den Ehrenpreis des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg verliehen. Was laut Roth in ihrer Heimatstadt Bad Schussenried aber niemand wirklich registriert habe: „Hier passt wohl der Spruch vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt.“ Dennoch hat sich das Verhältnis zu den Stadtoberen inzwischen doch sehr verändert: „Früher hätten sie uns am liebsten geteert und gefedert aus der Stadt gejagt. Heute werden wir zu allen Veranstaltungen eingeladen“, sagt Roth schmunzelnd. Als Leiter der Wetterwarte Süd in Bad Schussenried hat er es inzwischen ebenso wie seine früheren Sponti-Kameraden vom Jugendzentrum zu einer gewissen Bekanntheit gebracht.

Mit zur Geschichte von Grachmusikoff gehört natürlich auch unweigerlich die Band Schwoißfuaß. Diese gründete Alex Köberlein während seiner Studienzeit in Tübingen. Textlich ging es in die gleiche Richtung, aber die Musik wurde rockiger. Während dieser Zeit, in der Schwoißfuaß sehr erfolgreich war, wurde es um Grachmusikoff etwas ruhiger. Das änderte sich wieder, nachdem sich Schwoißfuaß auflöste. Inzwischen spielt Grachmusikoff bei Konzerten auch die erfolgreichen Schwoißfuaß-Lieder.

So auch sicher wieder auf den letzten Konzerten ihrer Abschiedstournee. Nachdem sie am Samstag, 11. November, in der Trio-Besetzung ein letztes Mal in ihrer Heimatstadt Bad Schussenried spielen, kommen sie mit der kompletten Band am 9. und 10. Dezember nach Ravensburg. Alle Termine und Infos gibt‘s unter www.mp-acm.de.

Zurück

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzbestimmungen. Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite. Cockies akzeptieren