WEISSENAU – Rund 90 Teilnehmer*innen aus ganz Deutsch­land werden am 9. Oktober 2020 zur Herbst­ta­gung der Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft Leiten­der Klinik­ärz­te für Kinder- und Jugend­psych­ia­trie in Weissen­au erwar­tet. Unter stren­gen Hygie­ne­be­din­gun­gen infor­mie­ren sie sich über die hiesi­gen Projek­te, welche die Zugän­ge zur Behand­lung und zur Wieder­erlan­gung der seeli­schen Gesund­heit verbes­sern sollen.

Ganz im Geiste des Welttags der seeli­schen Gesund­heit am 10. Oktober wird der Geschäfts­füh­rer des ZfP Südwürt­tem­berg, Dr. Dieter Grupp, unter dem Motto „Psychi­sche Gesund­heit für alle. Höhere Inves­ti­tio­nen — besse­rer Zugang. Für jeden, überall” die Fachta­gung eröff­nen. Im Fokus: die stati­ons­äqui­va­len­te Behand­lung (StäB), ein inten­si­ves, tägli­ches aufsu­chen­des Behand­lungs­mo­dell, bei dem Familie, Schule und Umfeld der Patient*innen in die Behand­lung mit einbe­zo­gen werden. Die jungen Menschen können zu Hause bleiben und erhal­ten dennoch eine Behand­lung, die in ihrer Inten­si­tät mit einer statio­nä­ren Behand­lung vergleich­bar ist.

Dr. Dieter Grupp erläu­tert: „Die in diesem Bereich bereits seit Jahren getätig­ten Inves­ti­tio­nen in Fahrzeu­ge, Mobil­te­le­fo­ne und Laptops, welche die Flexi­bi­li­tät und die Mobili­tät der Mitar­bei­ten­den gewähr­leis­ten, zahlen sich aus.“ Kaum jemand bricht eine stati­ons­äqui­va­len­te Behand­lung ab, die Zufrie­den­heit der Patien­tin­nen und Patien­ten und ihrer Famili­en mit dieser „Zuhau­se­be­hand­lung“ ist somit groß.

Eltern schät­zen die gute pädago­gi­sche und thera­peu­ti­sche Beratung, wenn ansons­ten „nichts mehr geht“. Kinder und Jugend­li­che äußern häufig, dass sie an StäB gut finden, sich nicht mehr für eine Klinik­auf­nah­me vom Heimat­um­feld, vor allem von ihren Freun­den, trennen zu müssen. Ein weite­rer Vorteil von StäB ist, dass damit auch Famili­en erreicht werden, welche die nötige Mobili­tät für regel­mä­ßi­ge Termi­ne selbst nicht aufbrin­gen können.

Bundes­weit erstes StäB-Team für Adoles­zen­te

Am ZfP-Stand­ort Weissen­au wurden bereits im Jahr 2017 StäB-Teams für Kinder und Jugend­li­che sowie Erwach­se­ne etabliert. Nach den ersten guten Erfah­run­gen wurde 2019 weite­res Neuland beschrit­ten, indem zusätz­lich das bundes­weit erste Team für eine stati­ons­äqui­va­len­te Behand­lung Adoles­zen­ter gegrün­det wurde: ein aus Kinder- und Jugend­psych­ia­trie und Erwach­se­nen­psy­ch­ia­trie aus allen Berufs­grup­pen gemisch­tes, aufsu­chen­des Team für 17- bis 21-jähri­ge Patien­tin­nen und Patien­ten.

In der StäB Adoles­zenz werden vor allem Menschen behan­delt, die aufgrund ihrer Lebens­ge­schich­te und Entwick­lung für die Erwach­se­nen­psy­ch­ia­trie noch inner­lich zu jung, für die Kinder- und Jugend­psych­ia­trie aber biolo­gisch zu alt sind. Den Übergang ins Erwach­se­nen­le­ben zu beglei­ten und labile junge Menschen dabei seelisch stabil zu halten, ist eines der beson­de­ren Ziele dieses fachüber­grei­fen­den Teams.

Eignet sich diese Behand­lungs­form denn „für jeden“ nach dem Motto des Welttags der seeli­schen Gesund­heit? Werden hier nicht wenige privi­le­giert? Die präsen­tier­ten Forschungs­er­geb­nis­se aus den Weissen­au­er Werkstät­ten bestä­ti­gen, dass prinzi­pi­ell alle Problem­la­gen und Diagno­sen in diesem Setting behan­del­bar sind, wenn die Famili­en, Kinder und jungen Erwach­se­nen dieses wollen und ein gemein­sa­mer Behand­lungs­auf­trag definiert wird. Ausnah­men, etwa nach der sozia­len Situa­ti­on, werden keine gemacht.

CCSchool: Wenn das Kranken­haus an die Schule kommt

PD Dr. Isabel Böge, Ärztli­che Leite­rin der Abtei­lung Kinder- und Jugend­psych­ia­trie in Weissen­au, wird in diesem Kontext aus einem weite­ren Innova­ti­ons­fonds-Projekt zu einer anderen Form der aufsu­chen­den kinder- und jugend­psych­ia­tri­schen Arbeit berich­ten: „CCSchool“ ist ein Projekt zur Evalua­ti­on eines mögli­chen Behand­lungs­an­ge­bots, bei dem das Kranken­haus dorthin geht, wo Kinder die meiste Zeit ihres Lebens verbrin­gen – an die Schule. Auch hier sind die Ziele ehrgei­zig: Zusätz­lich zu Unter­su­chun­gen und Beratun­gen will das ZfP Südwürt­tem­berg künftig eine nieder­schwel­li­ge Versor­gung im Schul­um­feld anbie­ten.

Nur zum letzten Teil des Mottos des Welttags der seeli­schen Gesund­heit müssen die Vortra­gen­den in Weissen­au leider passen: „Überall“ geht nicht. Das StäB-Angebot ist begrenzt durch die von den Kosten­trä­gern bewil­lig­ten Kapazi­tä­ten sowie die Entfer­nun­gen, welche die Teams aus Ärzten, Psycho­lo­gin­nen, Gesund­heits- und Kranken­pfle­gern und Ergothe­ra­peu­tin­nen für stati­ons­äqui­va­len­te Behand­lun­gen zurück­zu­le­gen haben.