MARBURG (dpa) — Mit der Wahl des neuen «Unwor­tes» rückt eine sprach­kri­ti­sche Jury die Debat­te um Flücht­lin­ge an der EU-Außen­gren­ze in den Blick. Auch die Corona-Pande­mie hat aus Juroren-Sicht proble­ma­ti­sche Begrif­fe hervorgebracht.

Das «Unwort des Jahres» 2021 lautet «Pushback». Damit rügt die Jury der sprach­kri­ti­schen Aktion einen Begriff aus der Migrationsdebatte.

Der aus dem Engli­schen stammen­de Ausdruck bedeu­te zurück­drän­gen oder zurück­schie­ben und sei im vergan­ge­nen Jahr von ganz unter­schied­li­chen Politi­kern, Journa­lis­ten oder Organi­sa­tio­nen in der Diskus­si­on um die Einwan­de­rung über die EU-Außen­gren­zen aufge­grif­fen worden, sagte die Spreche­rin der Jury, Constan­ze Spieß, in Marburg.

«Beschö­ni­gung eines menschen­feind­li­chen Prozesses»

Der Begriff «Pushback» wird dabei im Zusam­men­hang mit mögli­chen illega­len Zurück­wei­sun­gen von Flücht­lin­gen an den Grenzen benutzt. Die «Unwort»-Jury kriti­sier­te die Verwen­dung des Ausdrucks, «weil mit ihm ein menschen­feind­li­cher Prozess beschö­nigt wird, der den Menschen auf der Flucht die Möglich­keit nimmt, das Menschen- und Grund­recht auf Asyl wahrzu­neh­men». Die Nutzung eines Fremd­wor­tes verstär­ke noch den Effekt, erläu­ter­te Sprach­wis­sen­schaft­le­rin Spieß. Die Jury sah zudem einen unreflek­tier­ten Gebrauch des Wortes in den Medien auch bei Kriti­kern der Zurückweisungen.

Das Wort «Pusback» tauch­te in den vergan­ge­nen Monaten etwa im Zusam­men­hang mit der Situa­ti­on an der EU-Außen­gren­ze zwischen Polen und Belarus mit Tausen­den gestran­de­ten Migran­ten auf. Berich­ten zufol­ge wurden jene, die es über die Grenze nach Polen schaff­ten, sofort abgescho­ben — auch dann, wenn sie um Asyl ersuch­ten. Exper­ten erläu­ter­ten in den Medien die Rechts­la­ge und nahmen dabei mitun­ter ebenso «Pushback» in den Mund wie Politi­ker. Die damali­ge Grünen-Frakti­ons­chefin Katrin Göring-Eckardt sagte etwa im Novem­ber einer Zeitung: «Erstens: Nein zu menschen­un­wür­di­gen Pushbacks. Und zweitens: Ja zu Solidarität.»

«Sprach­po­li­zei»

Platz zwei der «Unwör­ter» in diesem Jahr beleg­te die Formu­lie­rung «Sprach­po­li­zei». Die Jury wählte damit einen Begriff aus der Debat­te um eine sensi­ble­re Sprache etwa in Bezug auf Geschlecht oder Herkunft. Das Wort sei irrefüh­rend und diffa­mie­re Perso­nen, die sich für einen «angemes­se­nen, gerech­te­ren und nicht-diskri­mi­nie­ren­den Sprach­ge­brauch einsetz­ten, der bisher benach­tei­lig­te und ausge­grenz­te Gruppen sprach­lich einschließt», befan­den die Juroren.

Auch die Pande­mie führte aus Sicht der mehrheit­lich aus Sprach­wis­sen­schaft­lern bestehen­den Jury zu verba­len Auswüch­sen. Sie rügte daher Verglei­che mit der NS-Zeit, die Gegner der Corona-Maßnah­men oder der Corona-Schutz­imp­fun­gen in den vergan­ge­nen Monaten zogen. Dazu gehören zum Beispiel: «Impfna­zi», «Ermäch­ti­gungs­ge­setz» — als Bezeich­nung für das Infek­ti­ons­schutz­ge­setz — oder der Aufdruck «ungeimpft» auf gelben Sternen. Dies alles lege «völlig unzuläs­sig» eine Ähnlich­keit zwischen den Corona-Maßnah­men und der NS-Dikta­tur nahe und verharm­lo­se außer­dem den Nationalsozialismus.

1300 Einsen­dun­gen mit 454 Begriffen

Die Jury wählte das «Unwort des Jahres» aus zahlrei­chen Vorschlä­gen aus, die Inter­es­sier­te bis zum 31. Dezem­ber einge­reicht hatten. Insge­samt gab es rund 1300 Einsen­dun­gen mit 454 unter­schied­li­chen Begrif­fen, von denen knapp 45 den Krite­ri­en entspra­chen. Viele Vorschlä­ge betra­fen die Corona-Pande­mie: Beson­ders häufig sei etwa «Tyran­nei der Ungeimpf­ten» genannt worden, «Querden­ker», «Verweil­ver­bots­zo­ne» oder «Covidi­ot».

Die Entschei­dung richtet sich aller­dings nicht nach der Häufig­keit der Nennung. Gerügt werden Formu­lie­run­gen, die gegen die Prinzi­pi­en der Menschen­wür­de oder Demokra­tie versto­ßen, die gesell­schaft­li­che Gruppen diskri­mi­nie­ren oder die euphe­mis­tisch, verschlei­ernd oder irrefüh­rend sind. Die «Unwort»-Aktion möchte so auf unange­mes­se­nen Sprach­ge­brauch aufmerk­sam machen u