PARIS (dpa) — Bleibt Emmanu­el Macron fünf weite­re Jahre Präsi­dent von Frank­reich oder gelingt der Natio­na­lis­tin Marine Le Pen der Wahlsieg ums höchs­te Staats­amt? Beide Ausgän­ge sind denkbar.

Nach einem vom Ukrai­ne-Krieg überschat­te­ten Wahlkampf stimmt Frank­reich heute über sein künfti­ges Staats­ober­haupt und die grund­le­gen­de Ausrich­tung der Politik der kommen­den Jahre ab.

Dem libera­len Präsi­den­ten Emmanu­el Macron, der sich um eine zweite Amtszeit bewirbt, steht als Heraus­for­de­rin die Rechts­na­tio­na­lis­tin Marine Le Pen in der Stich­wahl gegen­über. Zwar sagten Umfra­gen zuletzt einen wachsen­den Vorsprung für den Mitte-Politi­ker voraus — dennoch wird ein Sieg der auch mit extrem rechten Forde­run­gen antre­ten­den Le Pen nicht gänzlich ausge­schlos­sen. Frank­reich trifft damit eine Richtungs­wahl, die auch für Deutsch­land und Europa von überge­ord­ne­ter Bedeu­tung ist.

Seit sich Macron und seine Kontra­hen­tin vom Rassem­ble­ment Natio­nal vor zwei Wochen in der ersten Runde für die Stich­wahl quali­fi­ziert und ihre zehn Mitbe­wer­ber hinter sich gelas­sen haben, wurde in Frank­reich politisch wie gesell­schaft­lich ordent­lich Stimmung gemacht. Partei­en, Verei­ne, Sport­ler und Kultur­schaf­fen­de riefen dazu auf, einen Schutz­wall gegen Rechts zu bilden. An einer solchen Mauer waren Le Pen und zuvor ihr Vater Jean-Marie bereits 2017 und 2002 in der Endrun­de der Wahl gescheitert.

Unzufrie­den­heit in der Wählerschaft

Doch die Bereit­schaft, aus Prinzip gegen Le Pen zu stimmen, schrumpft. In der Wähler­schaft herrscht nach einer turbu­len­ten und krisen­ge­präg­ten Amtszeit Macrons Unzufrie­den­heit. Gerade Linke fühlen sich durch Macrons zuneh­men­den Rechts­kurs vor den Kopf gesto­ßen und sind genervt, dass eine Wahlal­ter­na­ti­ve zu seiner wirtschafts­li­be­ra­len Politik fehlt. Anhän­ger des linken Kandi­da­ten Jean-Luc Mélen­chon, der in der ersten Wahlrun­de als Dritt­plat­zier­ter ausschied, hadern deshalb zwischen der Wahl Macrons, einer Enthal­tung — oder gar keiner Stimm­ab­ga­be. Die klassi­schen Volks­par­tei­en, die Sozia­lis­ten und Republi­ka­ner, waren mit ihren Kandi­da­tin­nen krachend geschei­tert und können Macron nur begrenzt zum Wahlsieg verhelfen.

Der Staats­chef sah diese verzwick­te Situa­ti­on wohl nicht kommen. Sieges­si­cher stieg Macron erst spät in den Wahlkampf ein. Gehetzt zwischen inter­na­tio­na­len Gipfeln, bekamen die Franzo­sen ihren Präsi­den­ten zumeist nur im Fernse­hen zu Gesicht. Le Pen hatte da bereits seit Monaten Wahlkampf an der Basis gemacht und war durch die Provinz gereist. Während Macron noch auf der Weltbüh­ne versuch­te, den Ukrai­ne-Krieg zu verhin­dern, hörte Le Pen auf Markt­plät­zen den Lands­leu­te mit ihren wachsen­den Sorgen zu. Dabei präsen­tier­te sie plaka­ti­ve Lösun­gen für die Kaufkraft­pro­ble­me — das Haupt­the­ma des Wahlkampfs.

Le Pen will ihre rechte Partei «entteu­feln»

Den Kuschel­kurs mit der Bevöl­ke­rung verweb­te die Tochter des rechts­ex­tre­men Partei­grün­ders Jean-Marie mit ihrem strate­gi­schen Bemühen um Verharm­lo­sung. Freund­lich lächelnd verzich­te­te die 53-Jähri­ge auf allzu radika­le Thesen, versuch­te sich und die Partei zu «entteu­feln» und wählbar zu machen auch fernab des rechten Randes. Bewusst insze­nier­te sie sich dabei auch als Gegen­bild eines Präsi­den­ten, der Menschen abseits des Bildungs­bür­ger­tums schein­bar missach­tet. Nach der ersten Wahlrun­de aber riss Macron das Ruder herum, stürz­te sich in den Straßen­wahl