OCHSENHAUSEN — Allei­ne Aufste­hen, Waschen, Frühstü­cken, für die Arbeit richten und los: Was für viele Menschen ein ganz norma­ler Start in den Tag ist, hat sich Jürgen Stütz­le Stück für Stück erarbei­tet. Von Kindes­bei­nen an sitzt der 53-Jähri­ge im Rollstuhl und war lange Zeit auf ständi­ge Hilfe angewie­sen. Vor gut zehn Jahren schaff­te er den Sprung ins Ambulant Betreu­te Wohnen (ABW) und lebt seither in der eigenen Wohnung in Ochsen­hau­sen – dort bekommt er bei Bedarf Unter­stüt­zung von Mitar­bei­ten­den der Offenen Hilfen der St. Elisabeth-Stiftung.

Jürgen Stütz­le öffnet seine Türe, nachdem es geläu­tet hat, und lässt den Besucher freudig herein. Vor einer halben Stunde ist er von seiner Arbeit in der WfbM Heggbach nach Hause gekom­men, hat sich etwas ausge­ruht und in seinem Lieblings­ma­ga­zin, einer Fußball-Lektü­re, gelesen. Jürgen Stütz­le ist Fußball-Fan. Sein Herz schlägt für Werder Bremen und die Sport­freun­de Bronnen, deren Spiele er immer wieder gerne besucht.

Auch jetzt, nach Feier­abend, ist er bereit für Abwechs­lung: für ein Treffen mit Freun­den zum Abend­essen in einem Café zum Beispiel — oder eben für ein Gespräch zu Hause. Das selbstän­di­ge Leben in den eigenen vier Wänden hat ihm ganz neue Möglich­kei­ten eröff­net, die ihm die Wohnge­mein­schaft im Haus St. Antoni­us in Laupheim nicht bieten konnte.

Von dort ist er 2008 ins ABW nach Ochsen­hau­sen umgezo­gen und gehört damit zu mittler­wei­le 105 Menschen mit Behin­de­rung, die dieses Angebot wahrneh­men. Die Zahl steigt ständig: Neben Ochsen­hau­sen bieten die Offenen Hilfen der St. Elisa­beth-Stiftung ABW mittler­wei­le in Ehingen, Biber­ach, Laupheim, Riedlin­gen, Mietin­gen, Baltrin­gen, Unter­sul­me­tin­gen und Heggbach an. 

Jürgen Stütz­le wohnt gemein­sam mit Sascha Broze in einer barrie­re­frei­en Drei-Zimmer-Wohnung mitten in der Stadt. Jeder der Männer hat sein eigenes Zimmer, dazu teilen sich die beiden eine geräu­mi­ge Wohn-Ess-Küche. „Wir sind ein gutes Team und ergän­zen uns prima“, freut sich der Stütz­le über seinen Mitbe­woh­ner, der auch Unter­stüt­zung benötigt, aber nicht im Rollstuhl sitzt. So geht Sascha Broze beispiels­wei­se zum Einkau­fen im Ort, während sich Jürgen Stütz­le mehr um die Organi­sa­ti­on ihrer Wohnge­mein­schaft kümmert. Viele Erledi­gun­gen machen sie aber auch gemeinsam. 

Seine tägli­che Routi­ne bewäl­tigt Jürgen Stütz­le weitge­hend selbst­stän­dig. Nach dem Aufste­hen setzt er sich in seinen Rollstuhl, wäscht sich, zieht sich an, frühstückt und ruft den Fahrdienst, damit ihn dieser zur Arbeit nach Heggbach fährt. Dort ist er unter anderem an der Herstel­lung von Teilen für Hochdruck­rei­ni­ger der Firma Kränz­le betei­ligt. Nach der Arbeit fährt ihn der Fahrdienst von den Malte­sern wieder nach Hause. 

Ganz ohne Unter­stüt­zung kommt Jürgen Stütz­le aber nicht aus. „Behör­den­gän­ge, Arztbe­su­che, Gerichts­ter­mi­ne, Gesprä­che mit dem Landrats­amt – da sind wir zur Stelle“, erläu­tert Dajana Hoffmann, inner­halb der Offenen Hilfen der St. Elisa­beth-Stiftung Abtei­lungs­lei­tung für das ABW Süd Biber­ach. „Unser Einsatz beginnt da, wo Menschen aufgrund ihrer Behin­de­rung selbst nicht mehr weiter­kom­men.“ Das kann auch die Vermitt­lung von anderen Dienst­leis­tun­gen sein: Bei Bedarf an Pflege­leis­tun­gen kommt zum Beispiel die Sozial­sta­ti­on ins Haus. 

Die Unter­stüt­zung der Mitar­bei­ten­den des ABW richtet sich ganz nach dem indivi­du­el­len Bedarf der einzel­nen Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner. Da ist Flexi­bi­li­tät gefragt: „In gewis­ser Weise sind wir Mädchen für alles und erledi­gen, was eben ansteht“, meint Dajana Hoffmann. Und wenn tatsäch­lich mal nichts ansteht, dann ist beim wöchent­li­chen Besuch einfach Zeit für ein Gespräch.