Wegen der Corona-Krise ist der Arbeits­platz daheim fast schon zur Norma­li­tät gewor­den. Eine Stempel­uhr gibt es dort nicht, trotz­dem können sich Mitar­bei­ter auch zuhau­se nicht der Kontrol­le entziehen.

Wenn Mitar­bei­ten­de wegen der Corona-Krise nicht mehr im Büro arbei­ten, ist die Verun­si­che­rung bei manchen Vorge­setz­ten groß. Arbei­tet der Kolle­ge zu Hause gerade wirklich an dem Projekt? Oder räumt er vielleicht die Spülma­schi­ne aus? Doch je mehr die Chefin versucht, mit Nachrich­ten die Kontrol­le zu behal­ten, desto eher macht sich bei den Mitar­bei­ten­den ein Gefühl von Kontroll­ver­lust breit.

Psychi­sche Belas­tung durch den Vorgesetzten

«Wenn ich natür­lich das Gefühl habe, jemand sitzt mir im Nacken, habe ich Angst vor Fehlern, Scham und Bestra­fung, vielleicht sogar vor Stigma­ti­sie­run­gen», erklärt Tim Hagemann, der an der Fachhoch­schu­le der Diako­nie in Biele­feld die Profes­sur für Arbeits‑, Organi­sa­ti­ons- und Gesund­heits­psy­cho­lo­gie innehat. «Dann ist das natür­lich auch etwas, was psychisch belas­tend sein kann.»

Der Körper schüt­te in einem solchen Fall Stress­hor­mo­ne aus. «Stress ist immer dann, wenn ich das Gefühl habe, eine Situa­ti­on nicht meistern zu können», sagt Hagemann. Mitar­bei­ten­de seien so anfäl­li­ger für bakte­ri­el­le und virolo­gi­sche Erkran­kun­gen. Sie können mit Schlaf­stö­run­gen kämpfen, leiden langfris­tig mögli­cher­wei­se an Proble­men mit dem Magen oder dem Herz-Kreislauf-System.

Überwa­chung ist keine Kontrolle

Und nicht nur das: Wenn Mitar­bei­ten­de das Gefühl einer Überwa­chung haben, können Anrei­ze des Unter­neh­mens für sie ihren Reiz verlie­ren. «Ein Beispiel ist die Wahl des Mitar­bei­ters des Monats, die eigent­lich motivie­ren soll», meint Ivo Sched­lin­sky von der Univer­si­tät Bayreuth. Doch ein Experi­ment mit 170 Studie­ren­den in Zusam­men­ar­beit mit der Justus-Liebig-Univer­si­tät Gießen zeigt: Wer bei der Arbeit von einer Kamera beobach­tet wird, empfin­det einen solchen Leistungs­ver­gleich eher als Kontrolle.

Vorge­setz­te können natür­lich nicht einfach eine Kamera bei den Mitar­bei­ten­den daheim instal­lie­ren. Aber zumin­dest technisch gibt es bei der Arbeits­kon­trol­le im Homeof­fice kaum Grenzen — von der Überwa­chung der Mausbe­we­gun­gen, über die Messung von Einschlä­gen auf der Tasta­tur bis hin zu Syste­men, die sich nach fünf Minuten Inakti­vi­tät automa­tisch auf abwesend stellen.

Juris­ti­sche Grenzen im Homeoffice

«Im Extrem­fall können Arbeit­ge­ber im Prinzip einfach anlass­los zusehen, indem sie den Bildschirm dupli­zie­ren und schau­en, was der da gerade gemacht», berich­tet Joachim Poseg­ga vom Infor­ma­tik-Lehrstuhl mit Schwer­punkt IT-Sicher­heit an der Univer­si­tät Passau. «Technisch wäre das zumin­dest machbar, aber das wird wahrschein­lich von keinem Betriebs­rat toleriert werden.»

Auch aus juris­ti­scher Sicht gibt es Grenzen bei der Überwa­chung im Homeof­fice. Heimli­che Kontrol­len sind nur erlaubt, wenn Vorge­setz­te einen «Verdacht auf pflicht­wid­ri­ges oder straf­ba­res Handeln zu ihren Lasten nur so aufklä­ren können», betont Peter Wedde, Profes­sor für Arbeits­recht und Recht der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft in Frankfurt.

Leistung liegt offen dar

Doch gerade in den ersten Wochen der Ausgangs­be­schrän­kun­gen im Frühjahr sei das teilwei­se zu beobach­ten gewesen. «Weil Arbeit­ge­ber den Verdacht hatten, dass Beschäf­tig­te mehr im Baumarkt oder im Garten waren als am häusli­chen Arbeits­platz, sollten Detek­tei­en Beschat­tungs­auf­trä­ge durch­füh­ren», berich­tet der Jurist. Manche Firmen würden Überwa­chun­gen auch mit techni­schen Schwach­stel­len und einem höheren Risiko für Hacker­an­grif­fe im Homeof­fice rechtfertigen.

Dabei muss Kontrol­le nicht nur negati­ve Folgen haben. «Wer überwacht wird, dessen Leistung wird auch gesehen», sagt Sched­lin­sky. Gerade wer sich für eine Beför­de­rung bewei­sen möchte, könne davon profi­tie­ren. Auch Fehler lassen sich dadurch schnel­ler ausbü­geln oder sogar vermeiden.

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