«Und morgen die ganze Welt» ist ein hochpo­li­ti­scher Film. Julia von Heinz thema­ti­siert darin die politi­schen Extre­me — Neona­zis ebenso wie Links­ra­di­ka­le. Ein brisan­tes Drama, mit dem die Regis­seu­rin Deutsch­land bei den Oscars vertre­ten soll.

Mit dieser Frage setzt sich die Regis­seu­rin Julia von Heinz ausein­an­der in ihrem Polit­dra­ma «Und morgen die ganze Welt». Im Mittel­punkt steht die Jurastu­den­tin Luisa, die sich in linken, antifa­schis­ti­schen Kreisen engagiert. Im Kampf gegen Rechte und Neona­zis schre­cken ihre neuen Freun­de nicht vor Gewalt zurück und Luisa muss entschei­den, wie weit sie selbst bereit ist zu gehen. Ein brisan­ter Film, der nun Chancen auf höchs­te Ehren hat — denn seit Mittwoch­abend ist klar, dass das Polit­idra­ma Deutsch­land beim Rennen um die Oscars vertre­ten wird.

«What?????!!!!!! Deutscher Oscar Beitrag???? Grüße aus dem krasses­ten Wechsel­bad der Gefüh­le EVER», schrieb die Regis­seu­rin kurz nach Bekannt­ga­be des Juryvo­tums am Mittwoch­abend auf Facebook. Dabei war schon die inter­na­tio­na­le Premie­re ihres von persön­li­chen Jugend­er­fah­run­gen inspi­rier­ten Films groß, lief er doch im Wettbe­werb des Filmfes­ti­vals von Venedig. Nun überzeug­te die Honorar­pro­fes­so­rin der Hochschu­le für Fernse­hen und Film in München auch noch die Jury, die die Auslands­ver­tre­tung des deutschen Films (German Films) mit der Auswahl des Oscar­bei­trags betraut hatte.

«In einer Zeit, in der die Demokra­tie zuneh­mend unter Druck gerät, stellt Julia von Heinz die Frage, ob und wenn ja, wann Gewalt gerecht­fer­tigt oder sogar notwen­dig ist», begrün­de­ten die Juroren ihre Entschei­dung. Sie lobten die heraus­ra­gen­de Leistung von Haupt­dar­stel­le­rin Mala Emde ebenso wie die Kamera. Zudem konfron­tie­re der Film die Zuschau­er mit Konflik­ten und Entschei­dungs­pro­zes­sen, denen sie sich nicht entzie­hen könnten. «Ein persön­li­cher Film von großer, emotio­na­ler Wucht», so das abschlie­ßen­de Votum.

«Und morgen die ganze Welt» hat sich gegen neun andere Filme durch­ge­setzt, darun­ter die Litera­tur­ver­fil­mung «Als Hitler das rosa Kanin­chen stahl» von Oscar­preis­trä­ge­rin Caroli­ne Link, Oskar Roehlers Biopic «Enfant Terri­ble» über das Leben des Filmge­nies Rainer Werner Fassbin­der und «Berlin Alexan­der­platz» von Burhan Qurba­ni. Bewor­ben hatten sich auch die Macher der Filme «Fritzi — Eine Wende­wun­der­ge­schich­te», «Crescen­do #makemu­si­c­not­war», «Curve­ball», «Ein nasser Hund», «Undine» und «Ich war noch niemals in New York».

Nun also ein Drama, das vom Thema her auch in den USA auf Inter­es­se stoßen dürfte, wo politisch motivier­te Gewalt — häufig aus dem sehr rechten Lager — vieler­orts ein Klima der Angst verbrei­tet. Jetzt ist die Acade­my of Motion Pictu­re Arts and Scien­ces (AMPAS) im kalifor­ni­schen Bever­ly Hills am Zuge. Aus allen inter­na­tio­na­len Bewer­bun­gen wählt sie zunächst zehn Filme aus, die am 9. Febru­ar 2021 bekannt­ge­ge­ben werden. Am 15. März werden dann die fünf nominier­ten Filme verkün­det. Der deutsche Oscar­bei­trag «System­spren­ger» von Nora Fingscheidt war im vergan­ge­nen Jahr nicht nominiert worden. Die eigent­li­che Preis­ver­lei­hung ist am 25. April 2021.

Doch egal wie weit der Film kommen wird, allein die Auswahl als deutscher Oscar-Kandi­dat ist schon beson­ders. Aller­dings gibt es auch einen ziemlich großen Wermuts­trop­fen