Millio­nen Ukrai­ner sollen am Sonntag ihre Stimme bei der Kommu­nal­wahl abgeben. Inter­es­sant ist dabei der Ausgang in der Haupt­stadt Kiew. Wird Ex-Boxwelt­meis­ter Vitali Klitsch­ko Bürger­meis­ter bleiben?

An diesem Sonntag stellt sich der 49-Jähri­ge das zweite Mal der Wahl. Der an Siege gewöhn­te Sport­ler kann sich Hoffnung auf eine weite­re Amtszeit machen. Das dürfte ihn seinen Plänen näher bringen, Präsi­dent zu werden. Das wollte er schon 2013 werden. Doch mit den prowest­li­chen Protes­ten damals kam alles anders.

Bei einem gehei­men Treffen mit Oligar­chen vor sechs Jahren ließ Klitsch­ko Petro Poroschen­ko den Vortritt bei der Präsi­den­ten­wahl. Der frühe­re Boxer wechsel­te in die Kommu­nal­po­li­tik. Während Poroschen­ko längst abgewählt ist, sitzt Klitsch­ko noch im Kiewer Rathaus. Umfra­gen sehen ihn mit bis zu 50 Prozent der Stimmen vor den anderen 19 Kandi­da­ten. Die Frage ist: Schafft er die Wieder­wahl gleich im ersten Wahlgang? Ohne Stich­wahl könnte die Stadt umgerech­net knapp eine Milli­on Euro einspa­ren, rechnet Klitsch­kos Bruder Wladi­mir vor.

Das Geld wird dringend im Kampf gegen das Corona­vi­rus gebraucht. Fast täglich verkün­det Klitsch­ko persön­lich in einer Presse­kon­fe­renz neue Zahlen. «Corona­vi­rus: Das Virus weicht nicht zurück, und die Zahl der Kranken und Toten hat sich erneut spürbar erhöht», sagt er. Der Zweime­ter­mann verliest die trocke­nen Zahlen: «Insge­samt nahm das Corona­vi­rus 627 Kiewern das Leben. Bestä­tig­te Fälle einer Erkran­kung mit Covid-19 gibt es in der Haupt­stadt bereits 31.869.» Rund zehn Prozent der landes­wei­ten Fälle entfal­len auf die Haupt­stadt mit ihren drei Millio­nen Einwohnern.

Von dem Hinter­grund der Pande­mie dürfte die Betei­li­gung an der Kommu­nal­wahl im ganzen Land kaum über 50 Prozent liegen, meinen Exper­ten. Das könne entschei­dend sein. Gehen die rund 28 Millio­nen wahlbe­rech­tig­ten Ukrai­ner trotz des Risikos an die Urnen, um sich vielleicht im Wahllo­kal mit dem Corona­vi­rus zu infizie­ren? Landes­weit sollen mehr als 40.000 Abgeord­ne­te in den kommu­na­len und regio­na­len Parla­men­ten neu bestimmt werden. Zudem stehen mehr als 1400 Bürger­meis­ter und Ortsvor­ste­her zur Wahl.

Nicht gewählt wird in den von prorus­si­schen Separa­tis­ten kontrol­lier­ten Gebie­ten Luhansk und Donezk im Osten. Ursprüng­lich sollte auch dort abgestimmt werden. Ausge­schlos­sen sind etwa 500.000 Ostukrai­ner entlang der Front­li­nie. Doch ohnehin liegt die Aufmerk­sam­keit vor allem auf dem Wahlaus­gang in der Hauptstadt.

Unumstrit­ten ist Klitsch­ko nicht. In den sechs Jahren seiner Regie­rungs­zeit wurde keine einzi­ge Metro­sta­ti­on gebaut, und die Stadt versinkt täglich im Dauer­stau. Statt auf kostspie­li­ge Infra­struk­tur­pro­jek­te konzen­trier­te er sich, wie Präsi­dent Wolodym­yr Selen­skyj in einem Inter­view spotte­te, auf Parks und Springbrunnen.

«Es drängt sich der Eindruck auf, dass Vitali Klitsch­ko in erster Linie poppi­ge PR-Projek­te inter­es­sie­ren, wie die gläser­ne Brücke, der höchs­te Fahnen­mast, angestrahl­te Wasser­fon­tä­nen und so weiter», meint der Polito­lo­ge Viktor Taran. Dabei sind etwa die Kanali­sa­ti­ons­sys­te­me bei Stark­re­gen hoffnungs­los überfor­dert. Regel­mä­ßig werden komplet­te Straßen­zü­ge unter Wasser gesetzt. «Als Klitsch­ko versprach, die Haupt­stadt in eine wahre europäi­sche Stadt zu verwan­deln, hatte niemand den Verdacht, dass er damit Venedig meinte», sagt Taran.

Trotz­dem bevor­zu­gen die Kiewer offen­bar Klitsch­ko. Auch für den Stadt­rat kann sein 2015 beerdig­tes und nun wieder­be­leb­tes Partei­pro­jekt