MÜNCHEN/KÖLN (dpa) — Goethes «Faust» ist das vielleicht berühm­tes­te Werk der deutschen Litera­tur. Doch in der Schule verliert er seinen Sonder­sta­tus und ein Theater­ex­per­te sieht gar «eine epocha­le Faust-Krise».

«Es ist ein groß Erget­zen, sich in den Geist der Zeiten zu verset­zen, zu schau­en, wie vor uns ein weiser Mann gedacht.» Für Genera­tio­nen deutscher Schüler führte kein Weg zum Abitur an ihm vorbei: Goethes «Faust».

Das wohl berühm­tes­te Drama der deutschen Litera­tur­ge­schich­te gehört — wohl auch darum — zu den bekann­tes­ten und meist­zi­tier­ten Werken überhaupt.

Was die Gretchen­fra­ge ist («Wie hast du’s mit der Religi­on?»), was «des Pudels Kern» war (Mephis­to) und was es mit dem Augen­blick, der verwei­len soll, auf sich hat, weiß nur, wer wenigs­tens eine grobe Idee von dem hat, was Johann Wolfgang von Goethe sich mit seinem «Faust I» vor mehr als 200 Jahren ausge­dacht hat.

Der «Faust» verliert an den Schulen an Bedeutung

Doch die kultu­rel­le Bedeu­tung des großen Werkes scheint zu schwin­den. Der Deutsche Bühnen­ver­ein regis­triert ein gerin­ge­res Inter­es­se am «Faust» — und auch in der Schule verliert das Werk zuneh­mend an Bedeutung.

Nur in wenigen Bundes­län­dern ist es heute noch Pflicht­lek­tü­re, wie eine Umfra­ge der Deutschen Presse-Agentur ergeben hat.

In Bayern muss es im neuen Schul­jahr ab diesem Septem­ber zum vorletz­ten Mal gelesen werden. Ab 2024/25 ist es keine Pflicht­lek­tü­re mehr, nachdem es das fast ein halbes Jahrhun­dert lang gewesen ist — zumin­dest im Deutsch-Leistungskurs.

Schon in der Spiel­zeit 2020/21 war der «Faust I» nach Angaben des Deutschen Bühnen­ver­eins «erstmals seit vielen Jahren nicht mehr an erster Stelle als meist­in­sze­nier­tes Drama». Nur zwei Neuin­sze­nie­run­gen des großen Dramas sind den Angaben zufol­ge in der kommen­den Spiel­zeit an deutschen Bühnen geplant. «Das ist auffäl­lig wenig», sagt eine Spreche­rin des Vereins.

Auch auf den Bühnen gibt es weniger «Faust»

«In den 1980er oder 90er Jahren fand sich das Stück des Öfteren gerade so unter den zehn meist­ge­spiel­ten Dramen, war also auch nicht ganz vorne», sagt Detlev Baur, Chefre­dak­teur der vom Bühnen­ver­ein heraus­ge­ge­be­nen Zeitschrift «Die Deutsche Bühne».

Von einer «zykli­schen “Faust”-Abkühlungsphase» geht er dieses Mal aller­dings nicht aus: «Ich vermu­te eher, dass es in Zukunft auf den Bühnen keine so große Rolle mehr spielen wird – schon weil es auch in den Schulen an Bedeu­tung einbüßt. Eigent­lich ist der “Faust” ja ein Lesedra­ma – und wer liest heute noch Stücke?»

Das Stück mit den meisten Insze­nie­run­gen wird Georg Büchners «Woyzeck» sein, wie Baur für die im Septem­ber erschei­nen­de Ausga­be heraus­ge­fun­den hat. «Verlie­rer Goethe» heißt der Titel seines Artikels, in dem er von einer «epocha­len “Faust”-Krise» schreibt.

Faust und sein sehr viel jünge­res Gretchen, das sei heute «vielleicht nicht ganz so brisant wie die sozia­le und psychi­sche Defor­ma­ti­on eines mittel­lo­sen Solda­ten wie Woyzeck», sagt Baur.

Georg Büchners Sozial­dra­ma «Woyzeck» ist — zusam­men mit Juli Zehs «Corpus Delic­ti» — auch für die kommen­den drei Abitur­jahr­gän­ge vom Insti­tut zur Quali­täts­ent­wick­lung im Bildungs­we­sen (IQB) in Berlin als Lektü­re festge­legt, die als bekannt voraus­ge­setzt werden sollte.

«Da haben sie bestimmt den falschen Text gestri­chen», sagt der Berli­ner Germa­nist Micha­el Jaeger, der das Buch «Goethes “Faust”: Das Drama der Moder­ne» geschrie­ben hat.

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