Aus der einst geplan­ten zentra­len Einheits-Party mit Hundert­tau­sen­den wurde nichts — wegen Corona. Gefei­ert wird dennoch, aber mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz. In Potsdam wird an gemein­sam Erreich­tes von Ost und West erinnert. Es gibt viele nachdenk­li­che Töne.

«Unser Land zeigt in diesen Corona-Zeiten, dass wir zusam­men­ste­hen, dass wir stark sind und verant­wor­tungs­voll handeln», sagte Stein­mei­er beim zentra­len Festakt zum Einheits­ju­bi­lä­um in Potsdam.

«Ja, wir leben heute in dem besten Deutsch­land, das es jemals gegeben hat», sagte der Bundes­prä­si­dent und dankte allen, die daran mitwirk­ten. Der Tag der Einheit sei ein Moment der Freude, Erinne­rung und Ermuti­gung. Deutsch­land habe einen Weg zu einem wieder­ver­ein­ten, freiheit­li­chen und demokra­ti­schen Land in der Mitte Europas zurück­ge­legt. «Keine Pande­mie kann uns daran hindern, darauf stolz zu sein.» Wegen des Virus fand die zentra­le Feier dieses Mal unter beson­de­ren Bedin­gun­gen statt: kleiner als sonst und mit Maske und Abstand.

Stein­mei­er regte eine Gedenk­stät­te für die Fried­li­che Revolu­ti­on in der DDR an. Diese sollte daran erinnern, dass die Ostdeut­schen ihr Schick­sal in die eigenen Hände nahmen und sich selbst befrei­ten. Deutsch­land sei noch längst nicht so weit, wie es sein sollte. «Aber zugleich sind wir viel weiter, als wir denken.» Der Umbruch habe die Ostdeut­schen ungleich härter als Westdeut­sche getrof­fen. Es sei unter­schätzt worden, wie langle­big Benach­tei­li­gun­gen sein könnten.

«Wenn Menschen sich dauer­haft zurück­ge­setzt fühlen, wenn ihre Sicht­wei­se nicht vorkommt in der politi­schen Debat­te, wenn sie den Glauben an die eigene Gestal­tungs­macht verlie­ren, dann darf uns das eben nicht kalt lassen», mahnte Stein­mei­er. «Dann bröckelt der Zusam­men­halt, dann steigt das Misstrau­en in Politik, dann wächst Nährbo­den für Populis­mus und extre­mis­ti­sche Partei­en.»

Bundes­kanz­le­rin Angela Merkel (CDU) appel­lier­te in Potsdam an den Mut der Menschen. «Wir wissen, wir müssen heute wieder mutig sein», so die Kanzle­rin. «Mutig, neue Wege zu gehen angesichts einer Pande­mie, mutig, die noch bestehen­den Unter­schie­de zwischen Ost und West auch wirklich zu überwin­den, aber auch mutig, den Zusam­men­halt unserer ganzen Gesell­schaft immer wieder einzu­for­dern und dafür zu arbei­ten.»

Es seien mutige Menschen in der DDR gewesen, die die fried­li­che Revolu­ti­on 1989 in Gang gesetzt hätten. Mut hätten aber auch Westdeut­sche gehabt, sich auf den Weg der Einheit einzu­las­sen. Deutsch­lands Partner seien mutig gewesen, Deutsch­land zu vertrau­en. Es sei eine Freude, das Jubilä­um in Frieden und Freiheit zu begehen, so Merkel. Die Einheit sei im «im Großen und Ganzen» gelun­gen.

Stein­mei­er und Merkel hatten zuvor zum Auftakt der Feier­lich­kei­ten in der branden­bur­gi­schen Landes­haupt­stadt an einem ökume­ni­schen Gottes­dienst teilge­nom­men — mit Mund-Nasen-Schutz. Auch Bundes­tags­prä­si­dent Wolfgang Schäub­le und der Präsi­dent des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts, Stephan Harbarth, waren gekom­men. Wegen der Pande­mie war die Zahl der Besucher einge­schränkt worden. Unter dem Motto «Wir mitein­an­der» war Branden­burg Gastge­ber, weil das Land derzeit den Vorsitz des Bundes­rats inne hat.

Minis­ter­prä­si­dent Dietmar Woidke rief beim Festakt dazu auf, Ostdeutsch­land auch als Vorbild zu sehen. «Vom Osten kann man viel lernen», so der SPD-Politi­ker. «Eine selbst­be­wuss­te Frauen­po­li­tik, Betriebs­kin­der­gär­ten oder Polikli­ni­ken als Gesund­heits­zen­tren sind nur einige wenige Beispie­le.» Für eine neue gesamt­deut­sche Genera­ti­on sei das norma­ler Lebens­stan­dard. «Wir älteren Ostdeut­schen sind mittler­wei­le souve­rän genug, einfach stolz darauf zu sein.»

In Teilen der Potsda­mer Innen­stadt war das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung angeord­net, so auch im Bereich der «Einheits-Expo». Dort präsen­tie­ren sich die Bundes­län­der und Verfas­sungs­or­ga­ne in Glaspa­vil­lons. Die Polizei wollte am Einheits­tag mit rund 2500 Beamten im Einsatz sein. Vor der Metro­po­lishal­le, wo der Festakt statt­fand, demons­trier­ten rund 200 Beschäf­tig­te des Schaeff­ler-Werks Lucken­wal­de — der Auto- und Indus­trie­zu­lie­fe­rer will Stellen abbau­en.

Bei dem Gottes­dienst riefen der Bischof der Evange­li­schen Kirche Berlin-Branden­burg-schle­si­sche Oberlau­sitz, Chris­ti­an Stäblein, sowie der katho­li­sche Berli­ner Erzbi­schof Heiner Koch die Menschen zu gegen­sei­ti­gen Unter­stüt­zung und Achtung auf.

Das wieder­ver­ei­nig­te Deutsch­land sei bei allen aktuel­len Heraus­for­de­run­gen in guter Verfas­sung, sagte Verfas­sungs­rich­ter Harbarth der «Passau­er Neuen Presse». Keine Genera­ti­on zuvor habe so lange im Frieden gelebt.

Trotz Konflik­ten und Proble­men hat sich einer neuen Umfra­ge zufol­ge die Zufrie­den­heit der Deutschen teils deutlich erhöht. Mit Blick auf das Einkom­men sind vor allem die Ostdeut­schen glück­li­cher als noch vor 30 Jahren, in Westdeutsch­land etwas weniger. Das geht aus der Auswer­tung reprä­sen­ta­ti­ver Umfra­gen von 1991 und 2020 hervor, die der Gesamt­ver­band der Deutschen Versi­che­rungs­wirt­schaft (GDV) vornahm.

Vieler­orts in Deutsch­land wurde am Samstag an die Wieder­ver­ei­ni­gung erinnert. Für Bayerns Minis­ter­prä­si­den­ten Markus Söder ist sie ein histo­ri­sches Geschenk. «Die Deutsche Einheit ist in erster Linie den Menschen der ehema­li­gen DDR zu verdan­ken», sagte der CSU-Chef bei einem Treffen mit dem sächsi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Micha­el Kretschmer (CDU) an der frühe­ren inner­deut­schen Grenze bei Weischlitz. Bei einem Online-«Deutschlandfest» der Union kriti­sier­te Söder massiv die AfD. «Das Zerre­den der demokra­ti­schen Kultur» sei eine große Gefahr.