Auf der There­si­en­wie­se, wo um diese Zeit Bier sonst hekto­li­ter­wei­se fließt, herrscht Alkohol­ver­bot. Statt der Wiesn­wir­te wollen Klima­schüt­zer in Tracht auf das Festge­län­de ziehen — trotz­dem rüsten sich viele in München für ein wenig Oktober­fest­stim­mung.

Dieses Jahr ist alles anders. «Seinen» Tisch 180 im Schot­ten­ha­mel-Zelt gibt es nicht. Nach der coronabe­ding­ten Absage der Wiesn wird Werner am Samstag — dem ursprüng­lich geplan­ten Feststart — bei Chris­ti­an Schot­ten­ha­mel am Nockher­berg feiern. «Nach 60 Jahren dürfen wir unseren Wirt allein lassen», sagt Werner.

Wiesn-und Innen­stadt­wir­te wollen mit ihrer «Wirts­haus­Wiesn» für vorsich­ti­ge Oktober­fest­stim­mung sorgen, vieler­orts wird am Samstag tradi­ti­ons­ge­recht um 12.00 Uhr ein Fass angezapft. Während sich der dafür norma­ler­wei­se zustän­di­ge amtie­ren­de Oberbür­ger­meis­ter Dieter Reiter (SPD) enthält, will sein Vorgän­ger und Partei­freund Chris­ti­an Ude im Bahnhofs­vier­tel anzap­fen — und Ex-Wiesn­chef Josef Schmid (CSU) im Augus­ti­ner am Platzl. Bis 4. Oktober soll es in gut 50 Wirts­häu­sern — darun­ter das Hofbräu­haus — Hendl, Haxn und Wiesnbier geben.

Besser als «mit einem Kasten Bier auf der There­si­en­wie­se» zu sitzen, wie Werner sagt — denn das war seine erste Idee. Weil er damit nicht allein war, hat die Stadt für Samstag auf der There­si­en­wie­se ein Alkohol­ver­bot verhängt — um «priva­te Ersatz­par­tys zum ursprüng­lich geplan­ten Wiesn­start mit hohem Infek­ti­ons­ri­si­ko zu unter­bin­den.»

Wiesnbier fließt schon seit Wochen — meistens «dahoam»: Die Braue­rei­en haben viele Millio­nen Liter gebraut — das Bier fand teils besse­ren Absatz als sonst. Passend gibt es den origi­na­len Wiesn-Maßkrug — als «Koa Wiesn-Krug». Ebenfalls seit Wochen drehen auf verschie­de­nen Plätzen Karus­sells: Ein Riesen­rad am Königs­platz, ein 90 Meter hohes Ketten­ka­rus­sell am Olympia­ge­län­de, beim «Trach­ti­val» am Ostbahn­hof die Kult-Achter­bahn «Wilde Maus». Es gibt Schieß­bu­den, Trach­ten­stän­de, Zucker­wat­te und Lebku­chen­her­zen — «Sommer in der Stadt» heißt das Alter­na­tiv-Programm.

Auf der There­si­en­wie­se wollen am Samstag anstatt der Wiesn­wir­te Klima­schüt­zer einzie­hen — in Tracht, mit Windrä­dern, rollen­den Gärten, regio­na­len Lebens­mit­teln — und Bier alkohol­frei. Man wolle zeigen, was Bayern noch sei. «Auch klein­bäu­er­li­che Landwirt­schaft ist Tradi­ti­on — und trägt zum Klima­schutz bei», sagt ein Organi­sa­to­rin.

Etwas Nervo­si­tät herrscht. Die Sieben-Tagen-Inzidenz pro 100 000 Einwoh­ner lag am Donners­tag für die Landes­haupt­stadt laut Robert-Koch-Insti­tut bei 47,6 und damit knapp unter dem kriti­schen Wert von 50. Angesichts steigen­der Zahlen schau­en die Wirte strikt auf die Vorga­ben. «Wir sind ausre­ser­viert — früher hätte ich dann 600 Leute im Haus gehabt, heute sind es vielleicht 300 — wir achten auf die Abstän­de, drinnen und draußen», sagt der Sprecher der Innen­stadt­wir­te und Chef des Augus­ti­ner Kloster­wirt, Gregor Lemke.

Für die «Wirts­haus­Wiesn» gelte wie für alle gastro­no­mi­schen Betrie­be die Regelun­gen der Staats­re­gie­rung zum Infek­ti­ons­schutz, unter­strich OB Reiter. Dies gelte «unabhän­gig davon, ob Wiesnbier oder Wiesnsch­man­kerl serviert werden».

Zur Vorsicht gehört laut Lemke auch Livemu­sik mit Akkor­de­on und Gitar­re — und keine Blasmu­sik, zum Schutz vor Aeroso­len. Nicht nur ihm, auch am Nockher­berg und bei Wiesn­wir­te­spre­cher Peter Insel­kam­mer im Ayinger am Platzl gibt es keine Plätze mehr. «Es ist eine rege Nachfra­ge da», sagt Insel­kam­mer. Viele Stamm­gäs­te haben reser­viert.

Das 30. Wiesnjahr wäre es etwa für Armin Jumel gewor­den. Der Friseur wird am Samstag am Nockher­berg sein. «Wir freuen uns und sind dabei, wir wollen dem Wiesnfee­ling so nah wie möglich kommen.» Der 50-Jähri­ge hat im Schot­ten­ha­mel-Festzelt sonst den Tisch Nummer 089 — die Münch­ner Vorwahl. Er hat ihn von seinem Vater «geerbt», der ihn vor Jahrzehn­ten bekom­men hatte. 1990 starb der Vater, ausge­rech­net auf dem Weg zur Wiesn. Seitdem sei er fast jeden Tag da gewesen — dem Vater zu Ehren, sagt Jumel. Auf seinem Reser­vie­rungs­schild steht «Dohocka­de­do­deoi­weido­hocka»: «Hier hocken die da, die immer da hocken.» Das wird jetzt am Nockher­berg stehen — auch wenn es nicht ganz stimmt. Dieses Jahr wird er wohl nicht jeden Tag kommen.

Fast tausend Tage und damit mehr als zweiein­halb Jahre hat Günter Werner am Tisch 180 im Schot­ten­ha­mel-Zelt verbracht. Ende der 1980er Jahre bekam er dort sogar einen eigenen Telefon­an­schluss. Auch er wird dieses Jahr ein paar Tage auslas­sen. Nur Mittwoch bis Samstag will er am Nockher­berg sein. Dabei wird ihm erspart bleiben, was er nie mochte: Auf den Bänken feiern­de Menschen, aus deren Krügen Bier auf die Sitzen­den schwappt. Er will eine ruhige Veran­stal­tung — «kein Remmi­dem­mi».