Mit seiner Band Roxy Music revolu­tio­nier­te Bryan Ferry vor fast 50 Jahren die Rockmu­sik. Als Solokünst­ler macht er bis heute elegan­ten Pop. Jetzt wird der Sänger mit der verfüh­re­ri­schen Stimme 75 Jahre alt. Kürzer treten will er nicht.

In den 70er Jahren prägte er als Front­mann von Roxy Music den Artrock. Später war er mit geschmei­di­gem, elegan­tem Pop auch als Solokünst­ler sehr erfolg­reich. Nun wird der briti­sche Sänger 75 Jahre alt.

Eine Karrie­re als Musiker? «Das wäre mir nie in den Sinn gekom­men», erzähl­te Ferry in einem seiner selte­nen Inter­views 2019 in der TV-Sendung «CBS This Morning». Als kleiner Junge schwärm­te er für ameri­ka­ni­sche Musik. In der engli­schen Klein­stadt Washing­ton nahe Newcast­le, wo Ferry am 26. Septem­ber 1945 als Sohn einer Arbei­ter­fa­mi­lie zur Welt kam, schien das Showge­schäft weit weg.

Das Studi­um an der Univer­si­tät Durham in Newcast­le war wegwei­send. Ferrys Eltern schweb­te eine Karrie­re als Anwalt für ihren Sohn vor, doch der inter­es­sier­te sich vielmehr für Kunst und sang neben­bei in wechseln­den Bands. Richard Hamil­ton, der später das Cover für das «Weiße Album» der Beatles schuf, wurde sein Profes­sor und Mentor.

Ende der 60er Jahre zog Ferry nach London, wo er bis heute lebt. Dort gründe­te er 1970 die Band Roxy, die später zu Roxy Music wurde. Den Namen entnahm er einem Kino. Alte Filmklas­si­ker, der Film noir und die sogenann­te golde­ne Holly­wood-Ära sind bis heute eine Passi­on des Sängers. Vor einigen Jahren hatte er in der TV-Serie «Babylon Berlin», die in den 20er Jahren spielt, einen coolen Gastauf­tritt.

Mit ihrer ersten Single «Virgi­nia Plain» lande­ten Roxy Music auf Platz 4 der briti­schen Hitpa­ra­den — in Deutsch­land immer­hin auf Platz 20. Die tanzba­re, intel­lek­tu­ell angehauch­te Artrock-Hymne hob sich von der Musik anderer Glamrock-Vertre­ter wie T. Rex oder The Sweet ab. Optisch fiel die Gruppe mit ihren extra­va­gan­ten Kostü­men auf. «Wir haben damit rumex­pe­ri­men­tiert», so Ferry. «Wir waren alle eher schüch­ter­ne, reser­vier­te Typen. Dadurch, dass wir verklei­det auf die Bühne gegan­gen sind, war es leich­ter, aus sich rauszu­ge­hen.»

Ferry war ein Gegen­ent­wurf zu den Sängern anderer Rockbands. Oft trug er ein weißes Jackett, immer ein Hemd und eine Krawat­te. Nicht nur optisch war er den großen Croonern der 40er, 50er und 60er Jahre ähnlich. Auch sein schmach­ten­der, gerade­zu verfüh­re­ri­scher Gesang erinner­te an Ikonen wie Perry Como oder Dean Martin.

Sound­tüft­ler Brian Eno verließ Roxy Music nach dem zweiten Album — wegen Diffe­ren­zen mit Ferry, der als Songwri­ter und Front­mann den Kurs der Gruppe diktier­te. Mit Erfolg: Die Alben «Stran­ded» (1973) und «Country Life» (1974) gelten mit ihrer Mischung aus raffi­nier­tem Rock und elegan­tem Pop als Klassi­ker des Artrock-Genres, zu dessen wichtigs­ten Vertre­ten neben Roxy Music auch David Bowie zählt.

Während der Aufnah­men zum fünften Roxy-Music-Album «Sirens» lernte Ferry 1975 Jerry Hall kennen, das Model auf dem Cover. Zwei Jahre waren die beiden ein Paar. Dann verließ das US-Model den Musiker für Rolling-Stones-Front­mann Mick Jagger. Die Trennung besang Ferry auf seiner Platte «The Bride Strip­ped Bare» (1978).

Für Roxy Music wurde das achte und letzte Studio­al­bum «Avalon» mit der radio­freund­li­chen Hitsin­gle «More Than This» das erfolg­reichs­te Werk. Vom anfäng­lich progres­si­ven, teils pompö­sen Rock’n’Roll-Sound hatten sich Roxy Music zu einer stylis­hen Popgrup­pe entwi­ckelt, die zum Vorbild für späte­re Erfolgs­bands der New Wave und New Romance wurde, darun­ter Duran Duran, Spandau Ballet oder Human League.

Seine Solokar­rie­re hatte Ferry fast zeitgleich mit dem Aufstieg von Roxy Music begon­nen. 1973 veröf­fent­lich­te er «These Foolish Things», ein Album mit Cover­ver­sio­nen, darun­ter «A Hard Rain’s a‑Gonna Fall» von Bob Dylan. Dem ameri­ka­ni­schen Musiker widme­te der Brite 2007 ein komplet­tes Album namens «Dylanes­que». Begeg­net ist er Dylan nie.

In den 70er Jahren veröf­fent­lich­te Ferry fünf Soloal­ben. Schon damals trenn­ten sich Roxy Music kurz. Weil dann drei Mitglie­der auf Ferrys Soloal­ben mitwirk­ten, ging es bald als Band weiter. Nach der Auflö­sung 1983 refor­mier­ten sich Roxy Music mehrfach, zuletzt 2019 bei der Aufnah­me in die «Rock and Roll Hall of Fame». Ihren Musik­stil führte Ferry auf seinem Album «Boys and Girls» und auch danach konse­quent fort. Die Hitsin­gles «Slave To Love» und «Don’t Stop The Dance» sind vom Roxy-Sound nicht zu unter­schei­den.

Insge­samt 16 Soloal­ben hat Bryan Ferry bisher aufge­nom­men, darun­ter zwei Jazz-Alben. Für «The Jazz Age» arran­gier­te er Solo- und Roxy-Music-Songs im Stil der 20er Jahre neu, ohne einen einzi­gen Ton auf dem Album zu singen. Auf «Bitter-Sweet» lieh er einigen Songs seine Stimme. Der für Ferry typische, elegan­te Popsound war zuletzt 2014 auf seinem hervor­ra­gen­den Album «Avonmo­re» zu hören.

Konzer­te will der mehrfa­che Vater, der nach zwei Schei­dun­gen allein lebt, auch mit 75 Jahren geben. Wegen der Corona-Pande­mie brach Bryan Ferry seine Tournee in diesem Jahr ab. Dafür sind 2021 ein gutes Dutzend Konzer­te in Europa geplant, darun­ter auch Auftrit­te in Köln und Schwet­zin­gen. Das Motto eines Bryan-Ferry-Hits von 1985 gilt offen­sicht­lich noch heute: «Don’t Stop The Dance.»