Jahrzehn­te war das Oktober­festat­ten­tat einem Einzel­tä­ter mit priva­ten Motiven zugeschrie­ben worden. Jetzt erst wird es offizi­ell als rechter Terror bewer­tet. Das Geden­ken zum 40. Jahres­tag wird so zu einem starken Appell gegen Rechts — es ist auch die Stunde der Opfer.

40 Jahre nach dem Oktober­fest-Atten­tat haben hochran­gi­ge Gäste aus Politik und Gesell­schaft sowie Vertre­ter der Opfer und Überle­ben­den am Samstag am Tatort auf der There­si­en­wie­se in München an den schwers­ten rechts­ex­tre­mis­ti­schen Anschlag in der Geschich­te der Bundes­re­pu­blik erinnert.

Deutli­cher denn je geht von dem Geden­ken der Appell aus: Der Kampf gegen Rechts­ex­tre­mis­mus und rechte Netzwer­ke muss verschärft werden.

«Der Rechts­ex­tre­mis­mus hat tiefe Wurzeln in unserer Gesell­schaft», sagt Stein­mei­er. «Die rechts­ter­ro­ris­ti­schen Mordta­ten der vergan­ge­nen Jahrzehn­te waren nicht das Werk von Verwirr­ten.» Die Täter seien einge­bun­den gewesen in Netzwer­ke des Hasses und der Gewalt. «Diese Netzwer­ke müssen wir aufspü­ren.» Sie müssten noch entschie­de­ner bekämpft werden. «Wegschau­en ist nicht mehr erlaubt.» Die Aufklä­rung der NSU-Morde habe Licht in einen toten Winkel der Straf­ver­fol­gung gebracht. Ermitt­lun­gen liefen ins Leere, wenn sie nicht vorbe­halt­los, sondern von Befan­gen­heit und Vorur­tei­len gelei­tet würden. Der Schre­cken rechten Terrors sei wieder nah, «gerade jetzt, nach dem Mord an Walter Lübcke, nach den Taten von Halle und Hanau».

Am 26. Septem­ber 1980 hatte eine Bombe zwölf Wiesngäs­te und den rechts­ex­tre­men Bomben­le­ger Gundolf Köhler in den Tod geris­sen und über 200 verletzt. Die Bundes­an­walt­schaft hatte erst im Juli nach neuen Ermitt­lun­gen die Tat als rechts­ex­tre­mis­tisch einge­ord­net. Früher sprachen Ermitt­ler von der Tat eines Einzel­nen aus priva­tem Frust. Am Geden­ken nahm auch General­bun­des­an­walt Peter Frank teil.

Klarer als je zuvor räumen Politi­ker nun nicht nur Fehler bei den damali­gen Ermitt­lun­gen, sondern auch bei der politi­schen Einschät­zung ein — und es gibt Entschul­di­gun­gen an die Adres­se der Opfer. «Ihre Hilfe­ru­fe hat man ignoriert, ihre Forde­run­gen nach Unter­stüt­zung wurden oft genug abgelehnt und sie selbst sogar als Simulan­ten diffa­miert», sagt Oberbür­ger­meis­ter Dieter Reiter (SPD).

Bayerns Minis­ter­prä­si­dent Markus Söder (CSU) sagte: «Es tut mir leid und ich entschul­di­ge mich für die Fehler, die in den Ermitt­lun­gen, aber auch in der Einschät­zung zu der Tat gemacht wurden.» Er spreche als Rechts­nach­fol­ger aller anderen Minis­ter­prä­si­den­ten und als Verant­wort­li­cher für den Freistaat. «Wer Rechts­ra­di­ka­le unter­schätzt, versün­digt sich an der Demokra­tie.» Er gab ein «Schutz­ver­spre­chen» ab: «Wir werden nicht zulas­sen, dass Rechts­ex­tre­mis­mus, Hass, Antise­mi­tis­mus, Rassis­mus gedul­det, akzep­tiert oder irgend­wie unter­schätzt werden.» Söder wandte sich auch an die Opfer: «Wir vernei­gen uns. Wir werden diesen Tag nie verges­sen.»

Eindrück­lich schil­der­ten Überle­ben­de ihre Geschich­te. «Ich möchte endlich wieder auf einen Berg steigen, mit dem Rad um den Starn­ber­ger See fahren», sagte die als Folge gehbe­hin­der­te 73-jähri­ge Renate Marti­nez. Am meisten aber habe sie sich gewünscht, dass die Täter verur­teilt werden «und im Knast landen, wo diese vielfa­chen Mörder längst hinge­hö­ren». Solche Verbre­chen dürften nie wieder gesche­hen.

Robert Höckmayr (52) sagte, die Kultur des Erinnerns sei ein starkes Signal einer wachsa­men Gesell­schaft gegen Rechts. Verges­sen sei aber nicht möglich. «So habe ich zwei Geschwis­ter direkt beim Anschlag verlo­ren. Vierzig Jahre Geden­ken — das ist für mich daher vor allem ein Denken an ihre vierzig Jahre ungeleb­tes Leben.»

Die Überle­ben­den riefen auf zum Kampf gegen Rechts — aber auch zu Optimis­mus. Das Atten­tat dürfe nicht in Verges­sen­heit geraten, sagte die damals ebenfalls schwer verletz­te Gudrun Lang. Sie habe ihre erste große Liebe verlo­ren. «Das Atten­tat zwang mich und viele andere zu einer neuen Wegfüh­rung, mit der ich mich erst nur schwer­lich zurecht­fand.» Aber sie sagt auch: «Aus Zerstö­rung muss wieder etwas erwach­sen — nicht Hass, sondern die Hoffnung des Guten.»

Dimitri­os Lagka­di­nos (57), der beide Beine verlor, mahnte, Rechts­ex­tre­mis­mus nähre sich aus Hass und Ausgren­zung und gehe selten von Einzel­nen aus, sondern sei organi­siert und vernetzt. Er rief auf, nicht nur in der Vergan­gen­heit zu bleiben. «Das Leben ist schön», lautet der Appell des Mannes, der seit 40 Jahren im Rollstuhl sitzt.

Für die DGB-Jugend, die über Jahrzehn­te das Geden­ken maßgeb­lich aufrech­terhielt, erinner­te Pia Berndt an den langen Weg bis zur Wieder­auf­nah­me der Ermitt­lun­gen und zur Einstu­fung der Tat als rechts­ex­tre­mis­tisch. Viele hätten seit 1980 gewusst, dass der Atten­tä­ter kein verwirr­ter Einzel­tä­ter war.

An der There­si­en­wie­se wurde ein neuer Dokumen­ta­ti­ons-Ort unter freiem Himmel mit rund 200 lebens­gro­ßen Silhou­et­ten und Video­in­for­ma­tio­nen eröff­net. Bund, Land und Stadt München brach­ten am Mittwoch einen Opfer­fonds mit einem Volumen von 1,2 Millio­nen Euro auf den Weg.