Zu viel Tempo, zu viel Klasse: Im Champions-League-Halbfi­na­le gegen Paris Saint-Germain bekommt RB Leipzig die Grenzen aufge­zeigt. Der große Traum vom Finale der Königs­klas­se ist vorbei.

Im Taktik-Duell der deutschen Trainer hat der Bundes­li­gist gegen das übermäch­ti­ge Starensem­ble von Paris Saint-Germain den großen Coup in der Königs­klas­se klar verpasst. Gegen die rasan­te Fußball-Kunst von Weltmeis­ter Kylian Mbappé und Neymar waren die Sachsen beim 0:3 (0:2) im Halbfi­na­le der Champions League im Estádio da Luz von Lissa­bon überfor­dert. Ohne die Paraden von Torwart Peter Gulacsi hätte Nagels­mann sogar eine Blama­ge erlebt.

«Der Gegner war schlicht besser als wir. Das muss man auch akzep­tie­ren», sagte Nagels­mann bei Sky. «Auf dem Niveau wird man extrem schnell bestraft. Trotz­dem gibt es da keine Kritik von mir. Wir waren im Halbfi­na­le, darauf können wir stolz sein.» Sein Team wäre natür­lich «gerne den nächs­ten Schritt gegan­gen, das ist ganz normal». Sport­di­rek­tor Markus Krösche äußer­te: «Paris war einfach besser als wir. Wir haben den ein oder anderen Fehler zu viel gemacht. Aber wir können grund­sätz­lich zufrie­den und stolz auf die Mannschaft sein.»

Nach den Toren von Marquin­hos (13. Minute), Angel di Maria (42.) und Juan Bernat (56.) greift Tuchel am Sonntag mit dem franzö­si­schen Meister gegen den FC Bayern München oder Olympi­que Lyon nach dem auch von den Geldge­bern aus Katar schon lange ersehn­ten Henkel­pott. «Wir sind stolz und happy», sagte Paris’ deutscher Außen­ver­tei­di­ger Thilo Kehrer. Aus der Kabine poste­te Neymar bei Insta­gram Jubel­bil­der mit Mbappé. RB Leipzig muss dagegen nach den zunächst verhei­ßungs­vol­len Tagen in Portu­gals Haupt­stadt ernüch­tert die Heimrei­se antre­ten.

Von Oktober an kann RB Leipzig einen neuen Anlauf in der Gruppen­pha­se der Königs­klas­se nehmen. Statt des großen Finales steht aber als nächs­tes Pflicht­spiel erstmal die DFB-Pokal­par­tie am zweiten Septem­ber-Wochen­en­de beim Zweit­li­gis­ten 1. FC Nürnberg an.

Nagels­mann, der seinen frühe­ren Förde­rer Tuchel seit über einem Jahrzehnt kennt, rief im modischen Anzug mit grauem Sakko wie gewohnt energie­ge­la­den immer wieder neue Anwei­sun­gen auf den Rasen. Wohl auch aus Respekt vor der Weltklas­se-Offen­si­ve der Franzo­sen um Weltmeis­ter Kylian Mbappé, Di Maria und Neymar verord­ne­te er seinem Team in der Defen­si­ve eine Vierer­ket­te, die aber schon in den ersten Minuten mehre­re brenz­li­ge Situa­tio­nen überste­hen musste.

Neymar traf nach starkem Pass von Mbappé den Außen­pfos­ten (6.). Sekun­den später verhin­der­te nur ein Handspiel des Brasi­lia­ners, der zudem einen Freistoß an den Pfosten setzte (35.), die nächs­te große PSG-Chance. Die beiden Starspie­ler rochi­er­ten viel — und brach­ten die RB-Abwehr mit hohem Tempo und techni­scher Fines­se immer wieder in Verle­gen­heit. Marquin­hos traf dennoch nach einer Standard­si­tua­ti­on. Beim Freistoß von Di Maria stimm­te die Zuord­nung in der RB-Abwehr nicht. Tuchel, der wegen der dicken Schie­ne am verletz­ten Fuß meist auf einer großen Box saß, sprang trium­phie­rend auf.

Der frühe­re Dortmun­der hatte Nagels­mann einst in den Niede­run­gen des Amateur­fuß­balls beim FC Augsburg II trainiert und dann als Scout losge­schickt — beide Taktik-Exper­ten hatten sich im Vorfeld aber große Mühe gegeben, die persön­li­che Bezie­hung runter­zu­spie­len. «Das Spiel gewin­nen müssen am Ende die Spieler», hatte Nagels­mann gesagt. Bis auf einen Schuss von Yussuf Poulsen nach gutem Lauf von Konrad Laimer über die rechte Seite (25.) und einige Versu­che beim Stand von 0:3 blieben seine Spieler über weite Strecken aber ungefähr­lich.

Dabei deute­te sich immer wieder an, dass auch der Pariser Abwehr mit hoher Geschwin­dig­keit beizu­kom­men wäre. So hatte auch Atalan­ta Berga­mo das Starensem­ble im Viertel­fi­na­le ganz nah an eine Nieder­la­ge gebracht. Den Leipzi­gern fehlte aber der Zugriff, zu oft halfen nur Fouls, um den Spiel­auf­bau von PSG zu unter­bin­den. Die Pariser Profis störte das kaum.

Neymar leite­te Di Marias Treffer traum­haft mit der Hacke ein, zuvor hatte das aggres­si­ve PSG-Pressing Leipzigs oft gefor­der­ten Torhü­ter Gulacsi zu einem bitte­ren Fehlpass gezwun­gen. Nagels­mann saß an der Seiten­li­nie, rieb sich wortwört­lich die Augen und schau­te zerknirscht dem PSG-Jubel zu. Kurz vor der Pause fehlten Neymar nur Zenti­me­ter zu seinem ersten Tor des Final­tur­niers (44.).

Die beiden Leipzi­ger Offen­si­ven Emil Forsberg und Patrik Schick kamen zur zweiten Halbzeit und sollten den Druck erhöhen, was zumin­dest zehn Minuten lang auch gelang. Gleich die nächs­te Nachläs­sig­keit in der Defen­si­ve bestraf­te der frühe­re Bayern-Profi Bernat aber schwer. Der Spani­er traf per Kopf, nachdem Nordi Mukie­le an der eigenen Eckfah­ne ausge­rutscht war, den Ball an Di Maria verlor und dieser ungehin­dert flanken konnte. Mbappé und Co. hatten im Anschluss weite­re Gelegen­hei­ten, bei denen sich Gulacsi mehrfach auszeich­nen konnte.