Es geht um Drogen aller Art, die im Inter­net und Darknet zum Kauf angebo­ten wurden. Ermitt­ler sprechen vom bundes­weit größten Inter­net­shop seiner Art. Nun sitzen die mutmaß­li­chen Betrei­ber in einem sehr umfang­rei­chen Verfah­ren auf der Ankla­ge­bank.
 

Die sieben Angeklag­ten sollen als inter­na­tio­na­le Bande und in unter­schied­li­chen Rollen den Shop namens «Chemi­cal Revolu­ti­on» im Inter­net sowie im anony­men Darknet betrie­ben haben. Dafür sollen kilowei­se Drogen aus den Nieder­lan­den nach Deutsch­land gebracht worden sein. Das Rausch­gift wurde dann laut Ankla­ge an verschie­de­nen Orten bundes­weit gebun­kert, verpackt und an die Kunden verschickt.

Zu Beginn des Prozes­ses am Mittwoch vor dem Landge­richt Gießen kündig­ten die meisten Angeklag­ten Aussa­gen an. Wegen der Corona-Abstands­re­geln tagte das Gericht nicht in einem eigenen Saal, sondern in der großen Kongress­hal­le der mittel­hes­si­schen Stadt.

Die Ankla­ge geht von 320 Taten aus, began­gen zwischen Septem­ber 2017 und Febru­ar 2019. Der Vorwurf lautet insbe­son­de­re auf «banden­mä­ßi­ges unerlaub­tes Handel­trei­ben mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Menge». Die insge­samt elfköp­fi­ge Gruppe soll unter anderem mit rund 130 Kilo Amphet­amin, 42 Kilo Canna­bis sowie mit Ecsta­sy, Kokain und Heroin gehan­delt haben. Die Angeklag­ten sollen mit dem Shop etwa eine Milli­on Euro in Form der Krypto­wäh­rung Bitcoin einge­nom­men haben — damit bezahl­ten die Kunden die Ware. Tator­te waren demnach unter anderem in Hessen, Nieder­sach­sen und Hamburg.

Die Männer im Alter von 28 bis 45 Jahren übernah­men der Ankla­ge zufol­ge unter­schied­li­che Funktio­nen und waren etwa als Kurie­re tätig. Als mutmaß­li­cher Initia­tor und Chef gilt ein 28-Jähri­ger aus dem Landkreis München, der zuletzt auf Mallor­ca lebte. Er wurde im Mai 2019 bei seiner Einrei­se nach Deutsch­land festge­nom­men und danach der Shop abgeschal­tet. Die Ermitt­ler sprachen damals vom bundes­weit größten Drogen-Online­shop — bei dem es ähnlich wie bei legalen Inter­net­shops sogar Mengen­ra­batt und Kunden­kom­men­ta­re zur Quali­tät gegeben haben soll.

Während der Haupt­an­ge­klag­te vorerst keine Aussa­ge machen wollte, räumte ein 30-Jähri­ger am Mittwoch ein, für den Versand der Betäu­bungs­mit­tel zustän­dig gewesen zu sein. Er sei im Inter­net angespro­chen worden, ob er nicht bei einem Drogen-Shop mitma­chen wolle. Er habe damals keine Alter­na­ti­ve gehabt und zugestimmt, erzähl­te der Mann mit Blick auf verlo­re­ne Jobs und laufen­de Straf­ver­fah­ren unter anderem wegen Betrü­ge­rei­en. «Dann gingen die Bestel­lun­gen los und ich habe meine Arbeit verrich­tet.» Drogen überneh­men, verpa­cken, versen­den — «das war mein Tages­ab­lauf».

Insge­samt geht es in dem Fall zum elf Angeklag­te mit deutscher, polni­scher, nieder­län­di­scher und türki­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit. Angesichts des umfang­rei­chen Verfah­rens und auch wegen der Corona-Beschrän­kun­gen wird aber gegen die anderen Männer erst zu einem späte­ren Zeitpunkt verhan­delt. Der laufen­de Prozess vor dem Landge­richt dreht sich zudem nur um neun der angeklag­ten 320 Fälle. Es gehe um die erste Phase und den Aufbau des Shops, erläu­ter­te eine Spreche­rin der General­staats­an­walt­schaft Frank­furt.

Ein Tatort soll Orten­berg im Wetter­au­kreis gewesen sein, der im Zustän­dig­keits­be­reich des Gieße­ner Landge­richts liegt — ein Grund dafür, dass hier verhan­delt wird. Der Vorsit­zen­de Richter kündig­te an, dass es im Prozess auch um die Frage gehen wird, ob es sich angesichts der Struk­tur der Gruppe wirklich um eine Bande handel­te. Das Urteil wird im Novem­ber erwar­tet.