BERLIN (dpa) — Die Corona-Krise hat viele Menschen mürbe gemacht. Debat­ten über Impfun­gen und Schutz­maß­nah­men werden emotio­nal bis in die Famili­en hinein geführt. Bundes­prä­si­dent Stein­mei­er ruft zum Zusam­men­halt auf.

Freun­de, die wegen Corona nicht mehr mitein­an­der reden, Unsicher­heit, Zusam­men­stö­ße bei Demons­tra­tio­nen — zwei Jahre Corona-Pande­mie haben die Gesell­schaft auf eine Belas­tungs­pro­be gestellt.

Bundes­prä­si­dent Frank-Walter Stein­mei­er hat vor diesem Hinter­grund in seiner Weihnachts­an­spra­che zum Zusam­men­halt aufge­ru­fen: «In der Demokra­tie müssen wir nicht alle einer Meinung sein. Aber bitte denken wir daran: Wir sind ein Land! Wir müssen uns auch nach der Pande­mie noch in die Augen schau­en können. Und wir wollen auch nach der Pande­mie noch mitein­an­der leben», sagte er in der Anspra­che, die am ersten Feier­tag ausge­strahlt wird und zuvor aufge­zeich­net wurde.

Natür­lich gebe es Streit, Unsicher­hei­ten und Ängste. Sie auszu­spre­chen, daran werde niemand gehin­dert, sagte der Bundes­prä­si­dent. «Entschei­dend ist, wie wir darüber sprechen — in der Familie, im Freun­des­kreis, in der Öffent­lich­keit. Wir spüren: Nach zwei Jahren macht sich Frust breit, Gereizt­heit, Entfrem­dung und leider auch offene Aggression.»

Stein­mei­er bedank­te sich «aus vollem Herzen» bei der «großen, oft stillen Mehrheit», die seit Monaten umsich­tig und verant­wor­tungs­voll hande­le, und appel­lier­te an die Verant­wor­tung des Einzel­nen: «Der Staat kann sich nicht für uns die Schutz­mas­ke aufset­zen, er kann sich auch nicht für uns impfen lassen. Nein, es kommt auf uns an, auf jeden Einzelnen!»

Dauer­the­ma Corona

Seit mittler­wei­le fast zwei Jahren drückt das Thema Corona die meisten anderen Themen an den Rand. Die ersten Meldun­gen über eine in China ausge­bro­che­ne neue «myste­riö­se Lungen­krank­heit» tauch­ten Ende Dezem­ber 2019 in Deutsch­land auf. Die folgen­den 24 Monate wurden zu einer Berg- und Talfahrt für die ganze Gesell­schaft: Lockdowns, Schul­schlie­ßun­gen, Masken­de­als, Bund-Länder-Krisen­tref­fen, Demons­tra­tio­nen, relativ unbeschwer­te Sommer, gefolgt von nerven­auf­rei­ben­den Herbst- und Wintermonaten.

«Unser Staat war selten so gefor­dert, Leib und Leben seiner Bürger zu schüt­zen», sagte Stein­mei­er. Er brauche dazu Wissen­schaft­ler, Ärztin­nen, Pfleger, verant­wor­tungs­vol­le Ordnungs­kräf­te und Mitar­bei­ter in den Ämtern. «Sie alle tun ihr Bestes. Und sie alle gewin­nen neue Erkennt­nis­se, korri­gie­ren Annah­men, die sich als falsch erwie­sen haben, und passen Maßnah­men an. Menschen können irren, sie lernen aber auch.»

Stein­mei­er: «Was bedeu­tet Verantwortung?»

Stein­mei­er sprach von Verän­de­run­gen durch die Pande­mie bis in die Sprache hinein. «Da sind nicht nur neue Begrif­fe hinzu­ge­kom­men, von Inzidenz bis 2G+.» Auch die «alten, kostba­ren Worte» Vertrau­en, Freiheit und Verant­wor­tung erhiel­ten ein «neues, dring­li­ches Gewicht». Die Gesell­schaft muss sich nach Ansicht des Bundes­prä­si­den­ten neu darüber verstän­di­gen, was diese Worte bedeuten.

«Heißt Vertrau­en nicht womög­lich auch, dass ich mich auf kompe­ten­ten Rat verlas­se, selbst wenn meine eigenen Zweifel nicht gänzlich besiegt sind? (…) Ist Freiheit der laute Protest gegen jede Vorschrift? Oder bedeu­tet Freiheit manch­mal nicht auch, mich selbst einzu­schrän­ke