REGION — Dass die Schwimm-Fähig­kei­ten von Kindern schwin­den und Bäder schlie­ßen, treibt Exper­ten schon seit Jahren Sorgen­fal­ten auf die Stirn. Die Corona­pan­de­mie hat die Lage weiter verschlim­mert. Die Folgen werden lange spürbar sein.

Die Warte­lis­ten für Schwimm­kur­se sind länger denn je und Schwimm­ab­zei­chen wie das «Seepferd­chen» konnten wegen der Corona-Pande­mie kaum abgenom­men werden. «Was die Schwimm­aus­bil­dung betrifft, ist es ein verlo­re­nes Jahr», sagte Ursula Jung, Vize-Präsi­den­tin der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesell­schaft (DLRG) Württem­berg. Norma­ler­wei­se würden vom Verband im Land jährlich mehr als 10 000 «Seepferdchen»-Abzeichen verlie­hen — «dieses Jahr wird das bei weitem nicht erreicht werden können». Schwimm­kur­se seien wochen­lang verbo­ten gewesen und erst seit Mitte Juli wieder möglich. «Das ist für den Bedarf ganz schlecht», sagte Jung.

Im Jahr 2019 habe die DLRG im Land rund 15800 Maßnah­men mit Anfän­gern rund ums Schwim­men lernen organi­siert und rund 13700 Maßnah­men für fortge­schrit­te­ne Schwim­mer. «Aber dieses Jahr, das können wir einfach knicken», sagte Jung. Wegen der vorge­schrie­be­nen Corona-Hygie­ne­maß­nah­men hätten viele Hallen­bä­der zudem nach wie vor nicht geöff­net. «Schon im vergan­ge­nen Jahr hatten wir für Kinder­schwimm­kur­se Warte­lis­ten von bis zu drei Jahren, weil zu wenig Wasser­flä­che da war.» Corona erschwe­re die Situa­ti­on nun zusätz­lich.

Es gebe bundes­weit zwar keine Zahlen, es sei aber eine Tatsa­che, dass im ersten Halbjahr kein Schwimm­kurs von Anfang bis Ende habe durch­ge­führt werden können, sagte auch der Sprecher der DLRG-Bundes­ver­ban­des, Martin Holzhau­se. «Viele tausend Kinder konnten so nicht schwim­men­ler­nen.» Auch hätten viele Bäder Proble­me gehabt, die corona-beding­ten Aufla­gen zu erfül­len und recht­zei­tig entspre­chen­de Konzep­te zu entwi­ckeln.

Der Deutsche Schwimm­leh­rer­ver­band (DSLV) sprach ebenfalls von explo­die­ren­den Warte­lis­ten. «Es wird zwei bis drei Jahre dauern, bis sich das norma­li­siert», sagte DSLV-Präsi­dent Alexan­der Gallitz. Es gebe zudem die Befürch­tung, dass wegen Corona — viele der für die Finan­zie­rung der Bäder zustän­di­gen Kommu­nen verzeich­nen wegen der Pande­mie hohe Steuer­ein­bu­ßen — mehr Schwimm­bä­der geschlos­sen würden.

Der Bäder­be­stand sei ohnehin seit Jahren rückläu­fig. Laut der Deutschen Gesell­schaft für das Badewe­sen gibt es Stand Juni 2020 noch rund 5440 öffent­li­che Frei- und Hallen­bä­der von ehemals rund 8000. Im Südwes­ten waren nach Angaben Jungs im Jahr 2018 46 Bäder von Schlie­ßung bedroht gewesen, saniert wurden 18, geschlos­sen wurden 27 und sechs Bäder wurden neu eröff­net. Insge­samt zählte das Land 911 Bäder.

Fehlen­de bezie­hungs­wei­se schwin­den­de Badeflä­chen werden seit Jahren dafür mitver­ant­wort­lich gemacht, dass immer weniger Kinder schwim­men lernen können. Zur Förde­rung von Schwimm­kur­sen hatte das Kultus­mi­nis­te­ri­um in Stutt­gart im Doppel­haus­halt 2020/21 jeweils 1,1 Millio­nen Euro zusätz­lich bereit­ge­stellt.

Eine gute Nachricht ist laut Holzhau­se, dass sich die Zahl der Badeto­ten wohl nicht, wie wegen Corona befürch­tet, nach oben entwi­ckeln werde. Dies war vermu­tet worden, weil viele Menschen wegen der Pande­mie nicht im Ausland, sondern in Deutsch­land Urlaub machten und auch vermehrt unbewach­te Badestel­len nutzten. Laut einer DLRG-Zwischen­bi­lanz wurden Ende Juli 2019 bundes­weit 250 Badeto­te gezählt, in diesem Jahr waren es im gleichen Zeitraum 192. Endgül­tig werde man aber erst Ende des Jahres Bilanz ziehen können, sagte Holzhau­se.