Das spani­sche TV sprach von der «Nachricht des Jahres», und auch in den Cafés überall im Lande gab es trotz Pande­mie und Masken­pflicht kein anderes Thema: Der der Korrup­ti­on verdäch­ti­ge Ex-König Juan Carlos verlässt Spani­en und taucht unter. In der Karibik?

Der von einem Korrup­ti­ons­skan­dal und von Justi­zer­mitt­lun­gen bedräng­te Vater von König Felipe VI. hatte den Zarzue­la-Palast nordwest­lich von Madrid — seine Residenz der vergan­ge­nen 58 Jahre — nach Medien­be­rich­ten bereits am Sonntag verlas­sen. Er sei mit einem Wagen nach Galici­en und von dort über die Grenze nach Portu­gal gefah­ren, hieß es.

In Porto soll Juan Carlos dann einen Flieger Richtung Karibik bestie­gen haben, wie unter anderem auch die den Royals sehr nahe stehen­de Zeitung «ABC» versi­cher­te. In der Domini­ka­ni­schen Republik habe das frühe­re Staats­ober­haupt Zuflucht bei einem engen Freund, dem Zucker­ma­gna­ten Pepe Fanjul, gesucht, hieß es.

Eine Stellung­nah­me der «Casa Real» oder der Regie­rung gab es dazu vorerst nicht. Das sorgte für Verwir­rung. Der staat­li­che TV-Sender RTVE und auch die Menschen in den Cafés überall im Lande stell­ten deshalb immer wieder diesel­be Frage: «Wo ist Juan Carlos?»

Pablo Iglesi­as, der Chef des Junior­part­ners der sozia­lis­ti­schen Regie­rung von Minis­ter­prä­si­dent Pedro Sánchez, des Links­bünd­nis­ses Unidas Podemos, beklag­te eine «Flucht» des Altkö­nigs und erneu­er­te seine Forde­rung nach Abschaf­fung der Monar­chie. «Eine demokra­ti­sche Regie­rung darf da nicht wegschau­en», schrieb er auf Twitter. Juan Carlos’ Anwalt Javier Sánchez-Junco beteu­er­te, sein Mandant stehe der spani­schen Justiz weiter zur Verfügung.

Die in Sachen Monar­chie sehr gut infor­mier­te Zeitung «El Mundo» versi­cher­te unter­des­sen, das Exil von Juan Carlos sei von Felipe und Sánchez verein­bart worden. Das Königs­haus habe Juan Carlos zum Verlas­sen Spani­ens «gezwun­gen», um die konsti­tu­tio­nel­le Monar­chie zu retten, so das Blatt. Ob es etwas bringt? «El Mundo» meint, die «drama­ti­sche Geste» von Juan Carlos werde «den Kreuz­zug» der Monar­chie­geg­ner um Iglesi­as nicht stoppen. Sorge auch im Ausland: Die Londo­ner «Times» warnte, die spani­sche Monar­chie sei so beschä­digt, «dass ihr langfris­ti­ges Überle­ben ungewiss ist».

Dabei galt Juan Carlos jahrzehn­te­lang als Vorzei­ge-König. Erst recht, nachdem er 1981 die damals noch sehr junge spani­sche Demokra­tie nach einem Putsch­ver­such energisch vertei­digt hatte. Doch in den letzten zehn Jahren erreg­te er immer wieder Ärger: eine umstrit­te­ne Elefan­ten­jagd, Medien­be­rich­te über angeb­li­che Seiten­sprün­ge, ein Betrugs­skan­dal, der sich über Jahre hinaus­zog und bei dem sein Schwie­ger­sohn Iñaki Urdanga­rin zu knapp sechs Jahren Haft verur­teilt wurde.

Und dann wurde zu allem Übel auch der ominö­se Deal um den «Wüsten­zug» aufge­deckt: Juan Carlos soll 2008 Schmier­geld in Höhe von 100 Millio­nen US-Dollar kassiert haben, damit der Bau einer rund 450 Kilome­ter langen Schnell­bahn­stre­cke zwischen Mekka und Medina durch ein spani­sches Konsor­ti­um zustan­de kam. Das Obers­te Gericht leite­te im Juni offizi­ell Ermitt­lun­gen gegen den von rund 20 Opera­tio­nen körper­lich stark geschwäch­ten Juan Carlos ein.

Für die vier Jahrzehn­te, die er König und Staats­ober­haupt von Spani­en war (vom 22. Novem­ber 1975 bis zum 14. Juni 2014) genießt Juan Carlos Immuni­tät. Doch obwohl die mutmaß­li­che Schmier­geld­zah­lung 2008 erfolg­te, könnte der Ex-König in Zusam­men­hang mit dem Skandal unter anderem der Geldwä­sche und des Steuer­be­trugs in der Zeit nach 2014 beschul­digt werden. Nach seinem Thron­ver­zicht zuguns­ten seines Sohnes hat Juan Carlos zwar auch heute noch Sonder­rech­te, kann aber vom Obers­ten Gericht auf die Ankla­ge­bank gesetzt werden.

Juan Carlos hatte zuvor bereits im März einen hefti­gen Schlag erlit­ten, als sein Sohn nach einem Bericht des «Telegraph» mit ihm brach. Das briti­sche Blatt hatte enthüllt, dass Felipes Name — offen­bar ohne sein Wissen — als Begüns­tig­ter einer dubio­sen Offshore-Stiftung aufge­taucht war, in der auch Teile der Saudi-Dollars deponiert sein sollen. Der König verzich­te­te auf sein Erbe und strich dem Vater auch noch das Jahres­ge­halt von 194.000 Euro.

Ans Licht waren die offen­bar unsau­be­ren Saudi-Geschäf­te gekom­men, als Medien 2018 Aufnah­men eines Gesprächs veröf­fent­lich­ten, bei dem eine Deutsche dem Altkö­nig Korrup­ti­on und Geldwä­sche vorwirft. Die heute 55-Jähri­ge war dem Bourbo­nen nach eigenen Angaben bis 2012 eng verbun­den. Sie sei «eine innige Freun­din» gewesen, sagte sie den Medien, die immer wieder gern über ihr Leben berichten.

In einem vom Königs­haus veröf­fent­lich­ten Brief an seinen Sohn schrieb der Altkö­nig nun: Er wolle mit seiner Entschei­dung, ins Ausland zu ziehen, die Arbeit von Felipe als Staats­chef «erleich­tern», «angesichts der öffent­li­chen Auswir­kun­gen, die gewis­se vergan­ge­ne Ereig­nis­se meines Privat­le­bens derzeit verur­sa­chen». «Es ist eine Entschei­dung, die ich mit tiefen Gefüh­len, aber mit großer Ruhe treffe.»

Gattin Sofía wird laut Medien nicht mit ins Ausland gehen. Die 81-Jähri­ge ist bereits seit einigen Tagen auf Mallor­ca und wartet in der Sommer­re­si­denz der Royals auf der Mittel­meer­in­sel, dem Palacio Mariv­ent, auf die für Freitag vorge­se­he­ne Ankunft von Felipe (52), Königin Letizia (47), Kronprin­zes­sin Leonor (14) und Infan­tin Sofía (13). Auf alle warte ein «beweg­ter Sommer», so RTVE.