Franz Becken­bau­er darf zum 75. Geburts­tag auf eine der größten Karrie­ren im Weltsport zurück­bli­cken. Doch der «Kaiser» steht nicht nur als Alles­ge­win­ner des Fußballs im Fokus. Hansi Flick hegt einen Wunsch — auch für die neue Saison.

«Ich muss sagen, dass mich dieses Alter zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen nachdenk­lich macht. Alle anderen Geburts­ta­ge sind leich­ter an mir vorüber­ge­gan­gen», sagte der «Kaiser» tiefsin­nig und ganz ohne die ihm eigene Leich­tig­keit. Am heuti­gen Freitag (11. Septem­ber) feiert der vielleicht größte deutsche Fußbal­ler seinen Ehren­tag im Famili­en­kreis. Becken­bau­er blickt kurz vor diesem runden Geburts­tag «sehr zufrie­den» auf sein Leben zurück.

«Ich denke, das gehört zum Leben dazu, dass man zwangs­läu­fig mal an den Punkt kommt, an dem man darüber nachdenkt, dass das Leben endlich ist: Wann ist es so weit, dass du entschwin­dest? Und in welche Sphären? Das Weltall da draußen ist groß genug — es gäbe jeden­falls genug Möglich­kei­ten, wohin es einen verschla­gen könnte», sinnier­te der lächeln­de Becken­bau­er im Mitglie­der­ma­ga­zin «51» des FC Bayern.

Die «Licht­ge­stalt» hat sich in den vergan­ge­nen Jahren öffent­lich rar gemacht. Selbst Stadi­on­be­su­che, wie sie in der Rückrun­de der Münch­ner Triple-Saison bei Geister­spie­len der Fall waren, sind für den «Kaiser» keine Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr. Mit Mund-Nasen-Schutz oder Gesichts­vi­sier freute sich Becken­bau­er in den vergan­ge­nen Monaten in der Münch­ner Arena über zwei klare Bayern-Siege.

«Ein hervor­ra­gen­des Fußball­spiel» machte der Alles­kön­ner im deutschen Fußball beim viel beach­te­ten Stadi­on-Comeback nach langer Pause im Mai beim 5:2 gegen Eintracht Frank­furt aus. Legen­dä­rer als Lob sind aber Wutaus­brü­che, Tadel oder Spott des einsti­gen Stilis­ten, der als DER Libero ein Inbegriff von Eleganz auf dem Rasen war.

Über «Obergie­sing gegen Unter­gie­sing» oder «Rumpel-Fußball» schimpf­te Becken­bau­er immer wieder mal bei seinen schar­fen Analy­sen. Das Video der legen­dä­ren Bankett­re­de auf dem Weg zum Champions-League-Sieg 2001, als er das Team um Stefan Effen­berg und Oliver Kahn als «Uwe-Seeler-Tradi­ti­ons­mann­schaft» verhöhn­te, war vor dem diesjäh­ri­gen Triple-Triumph seines heiß gelieb­ten Clubs Dauer­bren­ner im Inter­net.

Neuere Auftrit­te dieser Güteklas­se gibt es nicht. Der Ehren­prä­si­dent des FC Bayern und Ehren­spiel­füh­rer der Natio­nal­mann­schaft, der einst gerne in jedes Mikro­fon plauder­te oder eine Jahres­haupt­ver­samm­lung des Rekord­meis­ters als Allein­un­ter­hal­ter leiten konnte, hat sich mehr und mehr zurück­ge­zo­gen.

Ob neben dem reife­ren Alter, dem Blick auf die Gesund­heit und dem Wunsch nach mehr Famili­en­zeit dabei auch ein Zusam­men­hang mit den vielen Unklar­hei­ten rund um die Verga­be der WM 2006 besteht, ist nicht bekannt. Becken­bau­er konnte kein Verge­hen nachge­wie­sen werden. Das Verfah­ren in der Schweiz gegen ihn wurde wegen seines schlech­ten Gesund­heits­zu­stands abgekop­pelt. Letzt­lich verjähr­te es wie auch das gegen drei enge Wegbe­glei­ter aus der Sommer­mär­chen-Zeit.

Im Frank­fur­ter Steuer­pro­zess ist Becken­bau­er, der eine WM-Führungs­rol­le hatte, nicht beschul­digt. Der Mythos Becken­bau­er wurde beschä­digt, dubio­se Millio­nen­zah­lun­gen bleiben unauf­ge­klärt. «Ich sehe zwar, dass mittler­wei­le akzep­tiert wird, dass da nichts war, aber die letzten Jahre waren schon hart», sagte Becken­bau­er in dieser Woche der «Bild»-Zeitung.

Bis dahin war das sport­li­che Werk Becken­bau­ers im Grunde nur von Glanz und Gloria geprägt. Fußball‑, Werbe- und Medien-«Kaiser», Weltmeis­ter-Teamchef, WM-Macher — praktisch alles, was der am 11. Septem­ber 1945 wenige Monate nach Kriegs­en­de im Arbei­ter­vier­tel München-Giesing gebore­ne Sohn eines Postbe­am­ten anfass­te, wurde zu Gold. Dank Souve­rä­ni­tät und Leich­tig­keit wirkte Becken­bau­er stets, als stünde er über den Dingen.

«Du bist der erste und beste Vertre­ter des FC Bayern. Wo Du warst, was Du auch machtest: Du hattest den ganz großen Erfolg», rühmte ihn einst Bayern-Vorstands­chef Karl-Heinz Rumme­nig­ge. «Franz Becken­bau­er ist das größte Glück des deutschen Fußballs. Es gab keinen besse­ren vor ihm und es wird auch kein besse­rer nachkom­men», erklär­te WM-Gefähr­te Günter Netzer.

Auch Joachim Löw schwärmt von Becken­bau­er. «Den Franz Becken­bau­er habe ich immer bewun­dert, und der Franz Becken­bau­er ist die Licht­ge­stalt im deutschen Fußball», befand der Bundes­trai­ner. Persön­li­che Treffen seien immer eine wahnsin­ni­ge Freude, «weil er immer eine gute Geschich­te zu erzäh­len hat. Es ist eine große Ehre für mich, ihn zu kennen, und ich bewun­de­re ihn.»

Triple-Trainer Hansi Flick kennt Becken­bau­er ebenfalls schon lange. «Er ist ein Mensch, der im Fußball eine große Vergan­gen­heit hat, gerade auch beim FC Bayern München», sagte Flick nach einem Besuch des «Kaisers» in diesem Jahr in der Arena. «Ich freue mich, dass er so ein Spiel gesehen hat und hoffe, dass er noch öfter kommt.» Zum Geburts­tag wünscht Flick Becken­bau­er «viel Gesund­heit».

Die ist Becken­bau­er im reife­ren Alter ganz wichtig gewor­den. Zwei Herzope­ra­tio­nen hat er hinter sich, auch ein künst­li­che Hüfte bekam er einge­setzt. Golf war seine sport­li­che Leiden­schaft nach der Laufbahn als Fußbal­ler, in der der Mann mit dem feinen Außen­ris­t­pass alle Ziele erreich­te: Weltmeis­ter, Europa­meis­ter, Europa­po­kal­sie­ger und, und, und. Es folgten nach Statio­nen bei Cosmos New York und dem Hambur­ger SV nahtlos Erfol­ge in der Karrie­re nach der Karrie­re. Neben dem Brasi­lia­ner Mario Zagal­lo und dem Franzo­sen Didier Deschamps ist er der einzi­ge, der als Spieler und Trainer Weltmeis­ter wurde. Später holte er dann als Sport­funk­tio­när die WM nach Deutsch­land.

Gerne wurde Becken­bau­er mit seiner lapida­ren Anwei­sung «Geht’s raus und spielt’s Fußball» zitiert. Der gelern­te Versi­che­rungs­kauf­mann arbei­te­te aber auch hart und detail­ver­ses­sen für seine Erfol­ge. «Das Glück kommt nicht zum Fenster herein­ge­flo­gen. Du brauchst Fleiß und Durch­hal­te­wil­len. Das Glück muss man sich erarbei­ten», sagt Becken­bau­er selbst gerne. Trotz­dem wirkte es immer mühelos. Bezeich­nend, dass er einst beim Schuss auf die berühm­te Torwand des ZDF-Sport­stu­di­os von einem vollen Weißbier­glas traf.

Der alte Franz gab und gibt auch immer gerne die schöne Anekdo­te zum Start der Weltkar­rie­re zum Besten: Die Watschn, eine Episo­de aus Münch­ner Jugend­ta­gen. In Giesing verpass­te ihm der «60er» Gerhard König eine Ohrfei­ge — weshalb der junge Franz zum FC Bayern wechsel­te und nicht zu den «Löwen». Wer weiß, wie alles gekom­men wäre…

Auch mit Mitte 70 ist Becken­bau­er immer noch rank und schlank. Auf das Äußere legt der zum dritten Mal verhei­ra­te­te Münch­ner seit jeher Wert. «Alle Sonnta­ge der Welt sind in mir vereint. Wenn man so ein Leben hat in diesen 70 Jahren, angefan­gen aus dem Nichts kommend und dann durch den Fußball die Kurve nach oben zu kriegen…», beschrieb es Becken­bau­er zum Ehren­tag vor fünf Jahren. Damals feier­te er nicht groß. Wenige Wochen zuvor war sein Sohn Stephan im Alter von 46 Jahren an einem Gehirn­tu­mor gestor­ben. Es sei «der größte Verlust» in seinem Leben gewesen, sagt der Vater von insge­samt fünf Kindern.