Das kleine Slowe­ni­en regiert die Tour de France. Tadej Pogacar und Ex-Skisprin­ger Primoz Roglic feiern auf dem Grand Colom­bi­er einen Doppel­sieg. Titel­ver­tei­di­ger Egan Bernal ist der große Verlie­rer und hat alle Chancen auf den Gesamt­sieg einge­büßt.

Etappen­sie­ger Tadej Pogacar und Gelbträ­ger Roglic sorgten am Sonntag mit einem famosen Gipfel­sturm in 1501 Metern Höhe bei gespens­ti­ger Kulis­se wieder für einen slowe­ni­schen Doppel­sieg bei der 107. Tour de France.

Pogacar rückte damit in der Gesamt­wer­tung dank der Bonus­se­kun­den bis auf 40 Sekun­den an Spitzen­rei­ter Roglic heran. Bernal war dagegen auf der 15. Etappe bei der ungewöhn­li­chen Kletter­par­tie über 17,4 Kilome­ter mit durch­schnitt­lich 7,1 Prozent Steigung, bei der keine Zuschau­er wegen der Corona-Pande­mie erlaubt waren, mit großem Rückstand der Verlie­rer des Tages.

Roglic bleibt im Gesamt­klas­se­ment nach 2648,5 Kilome­tern aber in Führung, den kleinen Sekun­den­ver­lust kann der frühe­re Skisprin­ger verschmer­zen. Denn der 30-Jähri­ge zeigt mit seinem Super-Team Jumbo-Visma bislang nicht den Hauch einer Schwä­che. Die kolum­bia­ni­schen Kletter­stars um Bernal sind dagegen zuneh­mend demora­li­siert. Denn Roglic und Pogacar fahren in einer anderen Liga.

Die deutschen Asse spiel­ten beim Schlag­ab­tausch zur «Pyrami­de von Bugey» hinauf nur eine Neben­rol­le. Emanu­el Buchmann hat immer noch nicht sein altes Niveau erreicht und konnte im Kampf um den Tages­sieg nicht eingrei­fen. Auch von Lennard Kämna gab es nach dem «Kraft­akt» der letzten beiden Tage keine Helden­ta­ten mehr zu sehen. Dafür hat sich der Mann mit dem Rausche­bart zurück­ge­mel­det: Simon Geschke, der vor fünf Jahren eine Tour-Etappe in Pra-Loup gewann, war in einer Ausrei­ßer­grup­pe unter­wegs.

Doch die Roglic-Mannschaft machte mit hohem Tempo schnell klar, dass der Schluss­an­stieg Chefsa­che ist. Die nieder­län­di­sche Equipe zeigte eine Dominanz wie in der Vergan­gen­heit das Ineos-Team, das diesmal beim Schluss­an­stieg in alle Einzel­tei­le zerfiel. Womög­lich war es doch ein großer Fehler, den erfah­re­nen Ex-Toursie­ger Geraint Thomas nicht zu nominie­ren.

Wer kann die Slowe­nen nun noch stoppen? Die größte Gefahr lauert womög­lich bei den Corona-Tests am zweiten Ruhetag. Es gilt nach wie vor das stren­ge Regle­ment. Sollten zwei Mitglie­der eines Teams positiv auf das Virus getes­tet werden, erfolgt der Ausschluss des ganzen Rennstalls. Zu einer Mannschaft gehören nicht nur die acht Fahrer sondern auch die jewei­li­gen Betreu­er.

Die Sorgen vor dem Virus sind weiter ein ständi­ger Beglei­ter der Rundfahrt. Am Samstag wurden in Frank­reich erstmals mehr als 10 000 Neuin­fek­tio­nen vermel­det, auch Tourchef Chris­ti­an Prudhom­me befin­det sich nach einem Positiv­test noch in Quaran­tä­ne. Noch gehen die Verant­wort­li­chen davon aus, dass sie Paris errei­chen werden. «Für Paris haben wir mehre­re Szena­ri­en vorbe­rei­tet. Es wird auf jeden Fall Restrik­tio­nen geben», sagte Claude Rach vom Veran­stal­ter ASO.

Es läuft alles darauf hinaus, dass Roglic seine verblüf­fen­de Metamor­pho­se vom Skisprin­ger zum Toursie­ger zu einem krönen­den Ende bringen wird. Seit dem Wieder­be­ginn nach der Corona-Pause fährt der Slowe­ne der Konkur­renz davon. Auf dem Colom­bi­er wurde er zwar noch von Pogacar übersprin­tet, doch der 30-Jähri­ge hat noch das Bergzeit­fah­ren am vorletz­ten Tag in der Hinter­hand.

Das deutsche Bora-hansgro­he-Team musste indes den Anstren­gun­gen der letzten Tage Tribut zollen. Am Samstag hatte das Team fast den ganzen Tag hart gearbei­tet, wurde aber mit dem vierten Platz von Peter Sagan beim Sieg des Dänen Sören Kragh Ander­sen nicht belohnt. Bereits am Freitag war das Bora-Team mit Platz zwei und drei für Kämna und Maximi­li­an Schach­mann im Pech.

Nach dem Ruhetag am Montag geht es mit der 16. Etappe über 164 Kilome­ter von La Tour-du-Pin nach Villard-de-Lans weiter. Fünf Bergwer­tun­gen, davon eine der ersten Katego­rie, sind anspruchs­voll. Zu Verän­de­run­gen an der Spitze der Gesamt­wer­tung dürften diese Hinder­nis­se in den Alpen aber kaum führen.