Viele Krank­hei­ten schla­gen vor allem im höheren Alter zu. Das müsste nicht sein, glauben die Autoren Dominik Duscher und Nina Ruge — und plädie­ren für eine andere Sicht auf die Gesund­heits­vor­sor­ge.

Der Medizi­ner Dominik Duscher und die Journa­lis­tin Nina Ruge haben ein Buch darüber geschrie­ben, welchen Einfluss bestimm­te Prozes­se in den Zellen darauf haben. Ihre These lautet: Altern ist eine Krank­heit und kann thera­piert werden. Ein Gespräch darüber, wie man möglichst lange gesund bleibt und warum man trotz­dem irgend­wann sterben wird.

Sie haben Ihrem Buch den provo­kan­ten Titel «Altern wird heilbar» gegeben. Ist das Altern denn eine Krank­heit?

Dominik Duscher: Vorne­weg, ich finde den Titel sehr scharf getrof­fen. Er bildet die Haupt­aus­sa­ge des Textes ab — also, dass Altern eine Krank­heit ist und damit Ziel einer poten­zi­el­len Thera­pie. Der Titel bringt uns aber nicht nur Lob ein. Natür­lich brüskiert es manche Leute, wenn man Altern als Krank­heit bezeich­net.

Warum?

Duscher: Bei uns ist das biolo­gi­sche Altern gemeint, also Altern im Sinne des Verlus­tes von Zellfunk­ti­on. Viele sehen das Alter aber im Kontext einer gewis­sen spiri­tu­el­len Weisheit, einer Entwick­lung des Menschen, also eines Status, der positiv behaf­tet ist.

Nina Ruge: Es gibt Menschen, die meinen, wir würden das Altwer­den diskri­mi­nie­ren, indem wir es als krank diskre­di­tie­ren. Das ist nicht der Fall. Wir beschrei­ben, wie das Schwin­den der Zellkom­pe­ten­zen darauf Einfluss nimmt. Zwei Begrif­fe helfen vielleicht dabei, das zu verste­hen: das primä­re und das sekun­dä­re Altern.

Erklä­ren Sie das gerne genau­er.

Ruge: Das primä­re Altern ist tatsäch­lich der Verlust dieser fantas­ti­schen Zellkom­pe­ten­zen und dieses unglaub­li­chen Zusam­men­spiels unseres Zellstoff­wech­sels im Laufe der Jahre. Und das beginnt mit 25 — diese stetig fortschrei­ten­den Prozes­se, der Verlust der System­funk­tio­nen, führen zum sekun­dä­ren Altern.

Dann werden den sogenann­ten Alters­krank­hei­ten wie Herzin­farkt, Schlag­an­fall oder Demenz Tür und Tor geöff­net. Wir beschäf­ti­gen uns mit dem primä­ren Altern und wollen deutlich machen, dass man schon sehr früh tätig werden kann, um die Zellfunk­ti­on so zu stärken, dass das sekun­dä­re Altern sehr viel später eintritt und uns die Alters­krank­hei­ten sehr viel später erwischen.

Plaka­tiv gesagt, sollte man verhält­nis­mä­ßig gesund und sich wohlfüh­lend sterben. Wäre das ihr Ideal­bild?

Duscher: Absolut richtig. Es geht nicht nur um die Lebens­span­ne. Das maxima­le Alter zu errei­chen, ist ja nicht das Ziel — sondern, möglichst lange gesund zu sein.

Ruge: Und weil wir auf das Alter von 25 anspie­len: Das ist tatsäch­lich der Gipfel der Gesund­heit und der Fitness der Zellen. Danach geht es bei den verschie­de­nen Zellty­pen und ihren Kompe­ten­zen mit unter­schied­li­cher Geschwin­dig­keit bergab. Spätes­tens ab 25 sollte man tätig werden und gegen­steu­ern.

Was kann man denn konkret tun?

Duscher: Die Basis ist ein gesun­der Lebens­stil, also Bewegung und Ernäh­rung. Das ist nichts Neues. Doch jetzt versteht man es immer besser, warum es so unglaub­lich wichtig ist. Dadurch steuern wir sehr viel. Wenn wir zum Beispiel Fasten­pe­ri­oden einhal­ten, stärken wir die Energie­er­zeu­gung in den Zellen.

Ruge: Es geht auch massiv um das Weglas­sen: Von Zucker, von tieri­schen Fetten, von Salzen und indus­tri­el­len Fertig­pro­duk­ten. Man sollte auf Gemüse setzen, möglichst 25 verschie­de­ne Sorten pro Woche und 400 Gramm am Tag. Dazu bestimm­te Nüsse und Öle. Wenn ich mehr weiß über die Wirkung der Nahrung als Medizin, werde ich sie achtsa­mer wählen.

Duscher: Die Basis der Zellver­jün­gung ist ganz klar, was wir aufneh­men an Nahrung und Geträn­ken. Manch­mal kommt man hier aber noch in eine Sackgas­se. Und dann könnten Nahrungs­er­gän­zungs­mit­tel helfen — wobei man da genau schau­en muss, was das ist, was man da einnimmt.

Man sagt ja, dass Menschen, die sich ausge­wo­gen ernäh­ren, in der Regel keine Nahrungs­er­gän­zung brauchen.

Duscher: Das ist ein Thema, dass man bewusst angehen muss. Hier einen Arzt beizu­zie­hen, empfeh­le ich jedem. Ins Blaue hinein im Inter­net etwas zu bestel­len und zu schlu­cken, ist meistens kein guter Plan. Es gibt jedoch Mittel, welche auf das Alter abgestimmt sinnvoll sein können. Beson­ders die Mitochon­dri­en als Kraft­wer­ke in den Zellen sprechen ganz gut auf gewis­se Ergän­zungs­mit­tel an und da kann man sich durch­aus einen gewis­sen Vorteil verschaf­fen.

Gibt es den schon Arznei gegen das primä­re Altern?

Duscher: Es gibt drei bis vier Medika­men­te, die die Zellal­te­rungs­pro­zes­se eindäm­men könnten. Aber wir sind hier noch in den Start­lö­chern. Denn es gibt kein Medika­ment ohne Neben­wir­kun­gen. Alters­pro­phy­la­xe auf pharma­ko­lo­gi­schem Level ist etwas, was mit Vorsicht genos­sen und extrem genau studiert werden muss. Weil man hier theore­tisch — voraus­ge­setzt, man betrach­tet das Alter nicht als Krank­heit — gesun­de Menschen behan­delt.

Auch wenn man bestmög­lich vorge­sorgt hat, stirbt man irgend­wann. Was passiert dann im Körper — ist das etwas, was man Alters­schwä­che nennen könnte?

Duscher: Bei Alters­schwä­che, wenn man also sozusa­gen im Schlaf verstirbt, steckt meist ein Herzpro­blem dahin­ter. Irgend­wann sind unsere Zellen auch im besten Fall, salopp gesagt, ausge­brannt. Dann würde — hoffent­lich nach sehr kurzer Krank­heit und Verlust unserer alltäg­li­chen Fähig­kei­ten — der Tod eintre­ten.

Zu den Perso­nen: DOMINIK DUSCHER ist plasti­scher Chirurg und forscht zur Optimie­rung der Zellfunk­ti­on bei Alter und Diabe­tes. NINA RUGE ist studier­te Biolo­gin, Journa­lis­tin und Fernseh­mo­de­ra­to­rin.