Zehn Wochen vor dem Partei­tag ist die Lage im Macht­kampf der CDU unüber­sicht­lich. Nun kommen erstmals seit langem die drei Kandi­da­ten in die Partei­zen­tra­le. Es droht eine erneu­te Zerreiß­pro­be.

NRW-Minis­ter­prä­si­dent Armin Laschet, Ex-Unions­frak­ti­ons­chef Fried­rich Merz und der Außen­po­li­ti­ker Norbert Röttgen werden in der Partei­zen­tra­le erwar­tet, dem Konrad-Adenau­er-Haus in Berlin. Bei dem Treffen sollen auch General­se­kre­tär Paul Ziemi­ak und CDU-Bundes­ge­schäfts­füh­rer Stefan Henne­wig dabei sein.

Am Morgen berät das CDU-Präsi­di­um über die Lage — am Tag vor der neuer­li­chen Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz mit Kanzle­rin Angela Merkel (CDU) wird es wohl auch um die steigen­den Zahlen der Infek­tio­nen mit dem Corona­vi­rus gehen.

In der CDU-Spitzen­run­de dürfte aber auch der Vorstoß des hessi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten und CDU-Bundes­vi­ze Volker Bouffier eine Rolle spielen, der eine Entschei­dung über die Kanzler­kan­di­da­tur der Union noch vor dem CDU-Partei­tag gefor­dert hatte. Er sehe das Rennen um die Kandi­da­tur noch offen, hatte er der «Fulda­er Zeitung» gesagt. Wichtig sei, dass der neue Vorsit­zen­de die Partei zusam­men­hal­te und eine. In der CDU war am Wochen­en­de von einer Einzel­mei­nung die Rede. Es sei schwer vorstell­bar, wie der Vorschlag umgesetzt werden könne.

Zehn Wochen vor der Wahl des neuen Partei­chefs am 4. Dezem­ber in Stutt­gart ist die Lage im CDU-Macht­kampf unüber­sicht­lich. Direkt damit verbun­den ist die Frage der Unions-Kanzler­kan­di­da­tur. Ein Stand der Dinge zu den wichtigs­ten Akteu­ren:

Laschet-Anhän­ger: Er muss bundes­weit mehr tun

Armin Laschet: Der Minis­ter­prä­si­dent versucht, mit Verweis auf seine Regie­rungs­ar­beit im bevöl­ke­rungs­reichs­ten Bundes­land NRW zu punkten. Motto: Wer ein so großes Land geräusch­los führen kann, ist auch für CDU-Vorsitz und Kanzler­amt geeig­net. Hört man sich in der CDU um, kriti­sie­ren auch ihm Wohlge­sinn­te, das werde nicht ausrei­chen. Laschet müsse stärke­re bundes­po­li­ti­sche Akzen­te setzen. Außer­dem kümme­re er sich noch zu wenig darum, die mutmaß­li­chen Delegier­ten des Partei­tags von sich zu überzeu­gen — Merz tue da viel mehr.

Laschet setzt auf die politi­sche Mitte. Zwar heißt es, viele Delegier­te aus seinem Heimat­ver­band NRW, dem Arbeit­neh­mer­flü­gel und ein Großteil der CDU-Frauen würden ihn unter­stüt­zen. Aber nur wenige Laschet-Anhän­ger setzen schon jetzt auf einen recht klaren Sieg des Aache­ners Anfang Dezem­ber.

Friends of Fried­rich: Irritiert über manche Äußerun­gen

Fried­rich Merz: Er setzt darauf, dass noch vor Weihnach­ten die Kanzler­kan­di­da­ten­fra­ge mit der CSU zu seinen Gunsten geklärt wird. Merz hofft, dass die Sehnsucht nach klarer konser­va­ti­ver Kante groß ist. Und dass im Super­wahl­jahr 2021 seine Kompe­tenz in Wirtschafts­fra­gen gefragt sein wird — wegen der Corona-Folgen für Arbeits­plät­ze und Wirtschaft. Selbst Anhän­ger sind aber unglück­lich über manche Äußerun­gen: Nach der Antwort in einem «Bild»-Talk, ob er Vorbe­hal­te hätte, wenn ein Schwu­ler Kanzler werden würde («Nein»), musste Merz sich jüngst wegen eines Nachsat­zes gegen den Vorwurf wehren, Schwu­le in die Nähe von Pädophi­len gebracht zu haben.

In der Partei gilt als so gut wie sicher, dass Merz einen Großteil der Mittel­ständ­ler hinter sich hat — und wohl auch einen größe­ren Teil des Nachwuch­ses von der Union.

Röttgen: Gibt er am Ende den Ausschlag bei der Vorsit­zen­den­wahl?

Norbert Röttgen: Der Außen­ex­per­te versucht, sich nach dem Fall des vergif­te­ten russi­schen Regie­rungs­kri­ti­kers Alexej Nawal­ny mit Forde­run­gen nach dem Stopp der umstrit­te­nen Erdgas­pipe­line Nord Stream 2 und Kritik am russi­schen Präsi­den­ten Wladi­mir Putin zu profi­lie­ren. Und mit Andeu­tun­gen, dass mit ihm eine Kanzler­kan­di­da­tur des wegen seiner Umfra­ge­wer­te auch in der CDU belieb­ten CSU-Chefs Markus Söder möglich wäre. In der Partei gilt er als Außen­sei­ter­kan­di­dat — dessen Wahlemp­feh­lung bei einem mögli­cher­wei­se notwen­di­gen zweiten Wahlgang aber den Ausschlag geben könnte.

Spahn: Für etliche CDU-Mitglie­der wäre er ein Zeichen für Aufbruch

Jens Spahn: Der Bundes­ge­sund­heits­mi­nis­ter tritt bei der Vorsit­zen­den­wahl im Bund mit Laschet an — und soll bei dessen Sieg stell­ver­tre­ten­der Partei­chef werden. Dass Laschet und der 40-jähri­ge Spahn doch noch vor dem Delegier­ten­tref­fen die Rollen tauschen, gilt vielen in der Partei als nahezu ausge­schlos­sen. Doch manche in der Partei fürch­ten, dass Laschet und Merz die CDU bei einem knappen Ausgang der Vorsit­zen­den­wahl ausge­rech­net zum Start in das Super­wahl­jahr 2021 in eine Zerreiß­pro­be führen könnten.

Das könnte die Stunde von Spahn werden — er gilt vielen in der Partei als jener, der am glaub­wür­digs­ten einen Neuauf­bruch verkör­pern könnte. Und das womög­lich gemein­sam mit Markus Söder.

Kramp-Karren­bau­er: Sie will mit den Kandi­da­ten unter anderem klären, welche Veran­stal­tun­gen die Partei­zen­tra­le bis zum Delegier­ten­tref­fen am 4. Dezem­ber organi­sie­ren soll. Im Gespräch sind in Zeiten der anhal­ten­den Corona-Pande­mie zwei digita­le «Townhall»-Veranstaltungen, bei denen in einer Video­schal­te Fragen an die Bewer­ber gestellt werden können. Journa­lis­ten könnten wohl jeweils zusehen und berich­ten. Zudem soll dem Verneh­men nach über weite­re Forma­te etwa im inter­nen CDU-TV oder bei Insta­gram gespro­chen werden.

Auch die Frage, ob es einen TV-Dreikampf geben soll, wird wohl erörtert. Röttgen hat sich mehrfach für ein solches Fernseh­for­mat ausge­spro­chen, Merz hat sich öffent­lich noch nicht festge­legt und Laschet ist unter Berufung auf eine frühe­re Abspra­che eher dagegen. Thema im Adenau­er­haus dürfte auch sein, wie lange die Bewer­bungs­re­den auf dem Partei­tag sein werden. Kramp-Karren­bau­er hat mehrfach betont, es solle ein fairer Wahlkampf gestal­tet werden.