Vom Q in «Querden­ken» zum Q in «QAnon» ist es ein kleiner Schritt. Die wohl populärs­te Verschwö­rungs­er­zäh­lung findet derzeit bei Demos gegen die Corona-Maßnah­men Verbrei­tung. Wie gefähr­lich ist das?

Sicher auch wieder am Wochen­en­de in Konstanz, wenn Zehntau­sen­de Menschen zu einer Menschen­ket­te um den Boden­see und zahlrei­chen Demos auch gegen die Corona-Politik erwar­tet werden. Q steht für Querden­ken, ja. Doch das ist nicht die einzi­ge Bedeu­tung dieses Buchsta­bens: «Q» ist auch der Name des Urhebers der übergrei­fen­den Verschwö­rungs­er­zäh­lung der QAnons, die in den USA ihren Anfang nahm.

Der Sekten­ex­per­te Matthi­as Pöhlmann beobach­tet die Protes­te hierzu­lan­de seit deren Beginn, war selbst bei einigen vor Ort. Er hat den Eindruck, dass mancher darauf aus sei, eine Verbin­dung zwischen der QAnon-Bewegung und den Querden­kern herzu­stel­len. «Bei den Demos werden diese Fahnen verteilt», erzählt er, «und viele wissen gar nicht, was sich dahin­ter verbirgt». Man müsse unbedingt einen Blick auf diese Entwick­lung haben, gehe es doch bei QAnon um antide­mo­kra­ti­sche und zum Teil antise­mi­ti­sche Überzeu­gun­gen, so Pöhlmann, der Sekten­be­auf­trag­ter der Evange­lisch-Luthe­ri­schen Kirche in Bayern ist.

Die Verschwö­rungs­er­zäh­lung von «Q» ist relativ neu: Sie wird seit 2017 verbrei­tet, ursprüng­lich von einer Inter­net-Platt­form aus, auf der man anonym und quasi ohne Einschrän­kun­gen Beiträ­ge posten kann. Und sie geht so: «Q», ein angeb­li­cher Mitar­bei­ter oder eine Gruppe aus der Regie­rung, bringt regel­mä­ßig Geheim­in­for­ma­tio­nen über Krimi­nel­le aus Politik, Finanz­we­sen und Showbusi­ness ans Licht. Grund­le­gend geht es darum, dass hinter allem, was auf der Welt passiert, eine Clique, ein Geheim­bund die Fäden in der Hand hält — der «Tiefe Staat» («Deep State»). Dieser wolle eine «Neue Weltord­nung» («New World Order») durch­set­zen, eine Art globa­le Regie­rung zur Unter­jo­chung der Mensch­heit.

QAnon-Anhän­ger sehen sich indes selbst als Elite; nur wer ihre Codes kennt, gehört dazu. Am häufigs­ten ist das Kürzel «WWG1WGA» zu finden, das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­man­tra «Where We Go One, We Go All» — sinnge­mäß: Einer für alle, alle für einen. «Dieses Rätsel­ra­ten und Basteln macht für viele einen großen Reiz aus. Man puzzelt an der großen Verschwö­rungs­er­zäh­lung mit, ist daran betei­ligt», erläu­tert Pöhlmann. «Man zählt sich zu den Erwach­ten.» Apropos erwacht: QAnon habe für viele ersatz­re­li­giö­se Funktio­nen, so der Exper­te. Es gebe etwa typisches Schwarz-Weiß-Denken, und auch apoka­lyp­ti­sche Motive spiel­ten eine Rolle. «Ich spreche bei QAnon gerne von einem versek­te­ten Verschwö­rungs­glau­ben.»

Und ihr Messi­as ist: Donald Trump. QAnons glauben, der US-Präsi­dent rette die Welt vor einem satani­schen Kult aus Pädophi­len und Kanni­ba­len. Immer wieder verbrei­ten sie vollkom­men an den Haaren herbei­ge­zo­ge­ne Mythen über vermeint­li­che Befrei­ungs­ak­tio­nen, die angeb­lich aus dem Oval Office in Auftrag gegeben werden. Trump wieder­um hat offen­bar kein Problem damit, von der Bewegung verein­nahmt zu werden. Im August etwa ließ er die Gelegen­heit verstrei­chen, sich von den Verschwö­rungs­gläu­bi­gen zu distan­zie­ren: «Ich habe gehört, dass es Leute sind, die unser Land lieben.»

Eine massi­ve Unter­trei­bung. Denn die QAnon-Lügen sind anschluss­fä­hig für Demokra­tie­fein­de, Rechts­ex­tre­me und Antise­mi­ten; in Deutsch­land stehen der Bewegung auch radika­le Reichs­bür­ger, christ­li­che Funda­men­ta­lis­ten und Esote­ri­ker nahe. Man müsse sehr genau beobach­ten, ob das enorme Hasspo­ten­zi­al von einzel­nen nicht mögli­cher­wei­se zu Gewalt­aus­brü­chen führen könne, so Pöhlmann.

Wissen­schaft­li­che Studi­en stützen diese Befürch­tung: Der Glaube an Verschwö­rungs­er­zäh­lun­gen geht mit einer erhöh­ten Wahrschein­lich­keit einher, Gewalt zu befür­wor­ten oder gar selbst gewalt­tä­tig zu werden. «Verschwö­rungs­er­zäh­lun­gen können dazu dienen, Gewalt gegen andere zu legiti­mie­ren, und sie schir­men gleich­zei­tig die eigene Gruppe gegen Kritik ab», fassen Katha­ri­na Nocun und Pia Lamber­ty in ihrem jüngst erschie­ne­nen Buch «Fake Facts» zusam­men. Bunte Fähnchen und krude Geschich­ten dürfen also nicht darüber hinweg­täu­schen, dass dahin­ter häufig antide­mo­kra­ti­sche Tenden­zen stecken, die alles andere als harmlos sind.